Elisabeth Büchle & Noa C. Walker

NEUES AUS DER SCHREIBSTUBE

Herzlich willkommen beim Text-Adventskalender

24. Dezember

Fynn

Was habe ich getan? Was habe ich nur getan? Fynn fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar. Niemals hätte er Josefine dieser Gefahr aussetzen dürfen. Wenn ihr etwas zustieß ... Ruhelos ging er im Konferenzraum auf und ab. Die anderen aus seinem Team waren ebenfalls da – alle bis auf Jacob. Der hatte seinem Chef etwas zugeflüstert und war gegangen. Auf Maschas fragenden Blick hin hatte Yegor erklärt, dass Jacob zurück zum Hafen fahre. Er wolle dort nach Josefine suchen, obwohl die Kaliningrader Polizei davon abriet. Doch Josefine hatte unter Jacobs Obhut gestanden. Und er hatte sie nicht beschützen können. Der Ex-Marine war offenbar nicht der Typ, der tatenlos herumsaß. Leider hatte er der Polizei nicht viel sagen können. Er war von einem Schlag gegen den Kopf, den er nicht hatte kommen sehen, getroffen worden und gestürzt. Als er wieder klar hatte sehen können, war Josefine bereits fort gewesen.

Paul, der, seit sie zurück waren, seine Computertastatur bearbeitete, schaute in regelmäßigen Abständen zu Fynn herüber. Besorgt und entsetzt zugleich. Seine zusammengeschobenen Brauen verrieten, dass er sich mit irgendetwas Illegalem beschäftigte. Mascha kaute an ihren bisher so gepflegten Fingernägeln. In ihren Augen standen nicht geweinte Tränen. Damit bewies sie mehr Mitgefühl, als Fynn ihr zugetraut hätte. Marco behielt sein Schweigen bei, zeichnete aber ununterbrochen präzise Striche auf ein Blatt Papier. Felix, der sich bittere Vorwürfe machte, weil er weder etwas gehört noch gesehen hatte, starrte einfach nur die Wand an und schnalzte dabei immer wieder mit der Zunge. Weshalb er sich von ihnen abgewandt hatte, wusste Fynn nicht. Vermutlich war es seine Art, mit der Situation umzugehen. Er hatte ihnen – und kurz darauf auch der Polizei – gegenüber erklärt, dass er in dem Moment, als Fynn den Rückzug angeordnet hatte, auf einen metallischen Gegenstand knapp unterhalb der Grasnarbe gestoßen war. Mit einer kleinen Gartenschaufel, die er stets in seinem Koffer bei sich trug, hatte er sich auf den Fund gestürzt. Er war gerade damit beschäftigt gewesen, ein rostiges altes Scharnier, wie man es früher gern für Schrankkoffer und Kisten verwendet hatte, vom gröbsten Schmutz zu befreien, als Paul ihn nach Josefine gefragt hatte.


Nun bleibt mir noch, euch einen WUNDERschönen Heiligabend und reich gesegnete und friedliche Weihnachtsfeiertage zu wünschen.

"In der Nacht von Bethlehem, da ist ein Kind geboren, Gottes Liebe kam zu uns, wir sind nicht mehr verloren ..."

(Peter Strauch, 1984)


Das Türchen für den 23. muss ich euch heute nachliefern. Ich habe gestern etwa 12 Stunden an der Überarbeitung/Kürzung von TÖCHTER DER FREIHEIT 4 gearbeitet und musste noch etwas die Wohnung putzen. Danach war ich ... platt.

Hier also die vorletzte Textstelle für euch:

Josefine

Josefine war schlecht. Ihr Kopf sandte einen eigentümlichen Schmerz aus, und sie fühlte sich wie gelähmt. Der Geschmack in ihrem Mund war schlicht widerlich. Es gelang ihr nicht, die Augen zu öffnen. Als wäre sie zu schwach dafür. Also blieb sie still liegen und versuchte, gleichmäßig zu atmen, obwohl alles andere als frische Luft ihre Lunge füllte. Sie durfte die Angst nicht die Oberhand gewinnen lassen. Denn dass hier etwas ganz und gar nicht in Ordnung war, war offensichtlich. Dennoch stoben ihre Gedanken davon wie die Möwen am Strand, sobald man sich ihnen nähert.

Das Schaukeln des Bodens unter ihr nahm zu, ebenso wie jenes seltsam glucksende Geräusch. Gleich darauf drohte ihre Übelkeit überhandzunehmen. Es roch nach Fisch, Tang, Salz und Moder. Wo war sie? Was war mit ihr passiert? Kälte griff nach ihr, sog sich in ihre Kleidung, wanderte über die Haut in ihren Körper. Sie begann zu zittern.

Dann hörte sie eine Stimme. Jemand rief ihren Namen.

22. Dezember

Schließlich schob er sich weiter vorwärts. Der Lichtschein der am Eingang aufgestellten Lampen traf ihn. Nahm irgendjemand Notiz von ihm? Konnte er sich damit herausreden, dass er hier im Eingangsbereich Schutz vor dem Wind gesucht hatte?

Erneut bellten die Hunde. Wer sie hergebracht hatte und warum sie hier waren, entzog sich Helmuts Wissen. Die von ihnen ausgehende Gefahr für jeden, der hier herumschlich und etwas zu verbergen hatte, war ihm allerdings bewusst. Hieß es nicht, die Tiere könnten Angst förmlich riechen?

Draußen hatte ein neuer Morgen die Nacht verdrängt. Die Sonne schien bereits heiß vom Himmel, da der Sturm auch diesmal keine Regenwolken mit sich brachte und somit auch keine Abkühlung.

Helmut richtete sich auf. Es war höchste Zeit, diesen von Menschenhand geschaffenen Höllenschlund zu verlassen. Zur Tarnung schlug er den Kragen seiner Uniformjacke hoch, der ihn gleichzeitig auch vor dem Sand und dem Staub schützte, die der Wind mit sich trug. Er schritt einfach voran und trat durch den Torbogen. Über ihm ragten Mauerteile auf, die wie Hörner wirkten; die tiefen Fenstereinfassungen sahen aus wie dunkle Augen. Entschlossen stapfte er über die Steinbrücke, sah niemandem ins Gesicht, kümmerte sich nicht um die diskutierenden Anwesenden.

Der Uniformierte, der kurz vor ihm das Gebäude verlassen hatte und hinter dessen Rücken er nun entlangging, sah tatsächlich aus wie Gauleiter Koch.

Endlich gelangte Helmut auf den geräumigen Platz nahe der geparkten Lastkraftwagen. Ein trügerisches Gefühl von Freiheit befiel ihn, denn offenbar war sein Mut belohnt worden. Oder vielmehr seine Dreistigkeit, sein Leichtsinn?

Er schmunzelte und schlug den Kragen herunter, doch das Lachen verging ihm schnell. Die nächste Sturmböe blies ihm winzige Sandkörner wie Dutzende Nadelstiche ins Gesicht. Er wandte sich ab, um zu seinem geparkten Fahrzeug zu gelangen. Im selben Moment kläffte ihn ein Hund an, und gleich darauf eine männliche Stimme, die fragte: „Wo kommen Sie denn her?“

Helmut hob den Kopf und sah in wässrige blaue Augen. „Von dort hinten.“ Er versteckte seine Finger mit dem Kreidestaub daran hinter dem Rücken, dazu die nutzlose, nun sogar verräterische Taschenlampe.

„Was hatten Sie da zu suchen?“

„Ich will am Leben bleiben. Wissen Sie, wie heiß es in so einem Fahrzeug werden kann?“

„Die anderen sitzen doch auch noch in ihren Fahrerkabinen.“

„Ja, weil die schon tot sind.“

Die Augen des Mannes verengten sich zu Schlitzen. Helmut wich unwillkürlich einen Schritt zurück, zumal der Rottweiler an der Leine zerrte.

>Ich finde, dies ist eine gute Stelle, um morgen an einer anderen weiter zu machen ... :O)


Letzte Chance: Bis morgen nehme ich noch Gutschein-Bestellungen entgegen.

21. Dezember

Helmut ging die Stufen wieder hinunter. War er vorhin hier entlanggekommen? Oder vielmehr eine andere Treppe weiter hinten im Gang? Die Taschenlampe flackerte und erlosch. Helmut schüttelte sie leicht und war dankbar für das verzagte Aufglimmen, das sie ihm schenkte. Unsicheren Schrittes und dennoch eilig hastete er an dem Aufgang vorbei und tiefer in den Gang hinein.

Ein Poltern vor ihm ließ ihn zusammenzucken. Wieder erlosch die Taschenlampe. Diesmal war sie nicht mehr dazu zu bewegen, erneut aufzuleuchten.

„Wer ist da?“ Die Stimme drang dumpf zu Helmut vor. Er presste sich an die Wand, wünschte, er könnte mit dieser verschmelzen, und dankte Gott gleichzeitig für die unzuverlässige Lichtquelle. Ihr Versagen hatte ihn davor bewahrt, entdeckt zu werden. Vorerst zumindest.

Er hörte Schritte. Sie entfernten sich. Helmut folgte ihnen auf Zehenspitzen, die rechte Hand immer an das kalte Gemäuer gelegt. Plötzlich hallte Hundebellen im Labyrinth wider. Ob sich Kerberos und Garm verbündet hatten? Jene Höllenhunde aus der griechischen und nordischen Mythologie? Ihr tiefes, rollendes Knurren klang, als käme es nicht von oben, sondern aus den Tiefen unter ihm.

Helmut ging schneller, obwohl er dadurch gefährlich nahe an denjenigen herankam, der wohl als letzter das Labyrinth verlassen wollte. Sich ängstlich umzusehen hatte in der Dunkelheit keinen Sinn. Er konzentrierte sich einzig und allein auf die Schritte des anderen. Dieser erklomm jetzt eine Steintreppe. Genagelte Schuhsohlen, welch ein Segen!

Als die Schritte vor ihm abrupt verstummten, blieb auch Helmut stehen. Ein suchender Lichtschein tanzte nur wenige Meter an ihm vorbei. Von oben herunter, bedrohlich und tröstend zugleich. Ein Gegensatz, den er gelassen hinnahm. Schließlich war die ganze Welt für ihn ein einziger Widerspruch.

Die Schritte setzten wieder ein – und erklangen im Rhythmus seiner Gedanken: Widersprüche. Widersacher. Widerwillen. Widerstand. Noch eine Treppe, ein weiterer Gang. Dunkelheit, huschendes Licht. Dröhnende Stiefeltritte, angestrengter Atem. Der Mann vor ihm hatte zu viel Gewicht. Er keuchte inzwischen lauter, als die Schuhsohlen auf dem Steinboden widerhallten. Ob es der Gauleiter höchstpersönlich war?

Helmut fing seine fliehenden Gedanken wieder ein. Stimmengemurmel drang an sein Ohr, dann ein herrischer Befehl. Dieser ließ ihn verharren. Die Angst davor, in dem feuchtkalten Labyrinth eingeschlossen zu werden, stieg kribbelnd wie tausend Ameisen in seinen Beinen empor.

20. Dezember

Der Eingang zu einem anderen Raum lockte ihn. Also huschte er über den Flur und warf sich förmlich in den Durchgang. Er wusste, dass die Ladeflächen der Lastkraftwagen nun leer waren, die Männer ein letztes Mal die vielen Stufen hinuntergeschwankt und in die Dunkelheit vorgedrungen waren. Die ersten von ihnen marschierten bereits wieder an ihm vorbei der Treppe entgegen. Sie schwiegen, als wäre ihnen diese Unterwelt nicht geheuer. In Wahrheit, das wusste Helmut, lauerten die Ungeheuer oberhalb des Erdbodens.

Mann für Mann gingen sie an ihm vorüber und waren dabei nicht mehr als undeutliche Schattenrisse. Sie nahmen auch die letzten Lichtquellen mit.

Helmut tastete nach der kleinen Lampe in seiner Tasche und zog sie hervor. Noch wagte er nicht, sie einzuschalten. Wieder hielt er den Atem an und lauschte. Die Schritte entfernten sich. Die Zeit schien ihnen eilig zu folgen. Ihm blieb nicht viel davon. Als er schließlich den kleinen Knopf drückte, verbreitete die Taschenlampe keinen heimeligen und auch keinen sonderlich hellen Lichtschein. Sie flackerte, leuchtete mal schwächer, mal kräftiger, als wolle sie sich Helmuts Herzschlag anpassen.

Er verließ sein Versteck, huschte über den Gang in den anderen Raum und beleuchtete kurz die grob gezimmerten Transportkisten. Sie waren nur nachlässig verstaut und unzureichend beschriftet worden; sicher versteckt und zugleich verloren?

Helmut durfte jenen Gedanken nicht länger nachhängen, sondern sollte schleunigst den Männern folgen. Er kramte nach dem Kreidestück in seiner Hosentasche. Alle paar Meter bückte er sich und markierte einen Ziegelstein. Ein recht unauffälliges Zeichen, sofern man nicht um dessen Existenz wusste. Er würde es wissen. Und Johannes und Charlotte. Das musste genügen.

Nachdem er eine weitere Treppe hinter sich gelassen hatte, blieb er stehen und drehte sich einmal um die eigene Achse. Er hörte die Männer nicht mehr, konnte sich nicht länger an ihren Stiefeltritten orientieren. Panik wallte in ihm auf, rauschte in seinen Ohren, animierte sein Herz zu wilden Sprüngen. Er durfte hier nicht zurückbleiben! Sein Fehlen würde Fragen aufwerfen. Fragen, die man seinem Bruder stellen würde und die Johannes in Gefahr brächten. Zumal Bardun und Koch ohnehin nicht gut auf die Korells und Naubereits zu sprechen waren.

Gauleiter Erich Koch ist eine historische Person, deren Taten für sich sprechen. Als eine der wichtigsten Männer im nationalsozialistischen Deutschen Reich verhinderte er schon früh die Flucht der Menschen aus Ostpreußen vor der vordringenden Roten Armee. Zuletzt erklärte er Königsberg auch noch zur Festung. Er selbst befand sich da bereits seit mehreren Wochen auf einer der Nehrungen und flog nur sporadisch in die Stadt. Über seine Rolle gibt es verschiedene Informationen, angeblich soll er noch die Flucht über das Haff mitorganisiert haben. Dabei hielt er sich seinen eigenen Fluchtweg offen ... Aus dem manchmal etwas widersprüchlichen Pool an Informationen habe ich versucht, in DIE ERBIN DES BERNSTEINZIMMERS einen Teil seines Handelns - oder Nichthandelns - einzubauen. All das, was meine fiktiven Figuren direkt mit ihm erleben, ist aber nur zum Teil historisch verbrieft.

Den Gutschein für ein Weihnachtsgeschenk findet ihr HIER. Unter dem Link könnt ihr auch einfach so ein signiertes Exemplar vorbestellen.

Und wieder öffnet sich ein Türchen ...

19. Dezember

Helmut

Helmut war einer von mehreren Fahrern, die mitten in der Nacht zu den Fahrzeugen beordert und losgeschickt worden waren.

Die kühle Luft im Backsteinbau war so angenehm, dass er für kurze Zeit die Hitze und den wütenden Sturm der vergangenen Tage vergaß, der jede Menge Staub und Sand aufgewirbelt und ihm ins Gesicht geweht hatte.

Er folgte den schweren Schritten und dem Ächzen und Knarren. Die alten Ziegelsteinstufen waren uneben. Es bedurfte höchster Konzentration, um nicht zu stolpern und in die schwarze Gruft zu fallen. Einen solchen Fehltritt konnte sich Helmut nicht leisten. Denn niemand durfte wissen, dass er den mit sperrigen Kisten beladenen Männern folgte.

Immer tiefer saugte das Labyrinth ihn ein, das er noch nie zuvor betreten hatte – und aus dem er womöglich auch nicht mehr herausfinden würde. Doch Gleichgültigkeit war sein steter Begleiter geworden, zumindest was sein eigenes Dasein anbelangte. Aus diesem Grund verwunderte ihn jener Funke von Furcht, der in seinem Inneren aufflackerte. Zwar hinderte er ihn nicht daran, den Männern weiter zu folgen, mahnte ihn aber zur Vorsicht.

Der Lichtschein vor ihm verharrte. Helmut presste sich mit angehaltenem Atem an das kalte Gemäuer. Das Ächzen und Knarren nahm an Intensität zu, gleich darauf war ein dumpfer Aufprall zu hören. Dieser drohte ihm das Herz zu zerreißen. Wie konnte man mit derlei Kostbarkeiten – zusammengetragen aus aller Herren Länder und aus den hier ansässigen Museen – nur so unsensibel umgehen? Sie waren Zeugen längst vergangener Zeiten. Kunstwerke von unermesslichem Wert. Schätze in den Händen der einen, Prestigeobjekte oder Tauschmittel in denen der anderen. Letzteres umso mehr, da sich die Sowjets inzwischen auf dem Vormarsch gen Westen befanden, die Amerikaner und Engländer mit ihren Verbündeten stetig vordrangen und somit die Lebensadern des Deutschen Reichs durchschnitten. Den Weltmachtstrebenden blieb kaum noch Luft zum Atmen.

Helmut hingegen zwang sich, ruhig ein- und auszuatmen. Gleichzeitig löschte er jenen Angstfunken in sich und schob sich an der Ziegelwand entlang vorwärts. Schatten huschten über die roten Wände und wirkten wie Dämonen. Groß, verzerrt und Furcht einflößend. Zugleich aber auch beruhigend, da ihre Anwesenheit ihm zeigte, dass er nicht allein war.

Die Dämonen wuchteten Kiste um Kiste in einen Raum, der so tief unter der Erde verborgen lag, dass keine Bomben ihn zu beschädigen vermochten. Keine Panzergeschosse konnten ihn zerstören, die vom Krieg geschlagenen Wunden erreichten ihn nicht. Hier waren all die Kostbarkeiten sicher. Es sei denn, sie wurden dem Vergessen anheimgegeben. Und um das zu verhindern, war Helmut da; dies sah er als seine Aufgabe an.

Noch zwei, drei Tage lang könnt ihr den den Gutschein für DIE ERBIN DES BERNSTEINZIMMERS bestellen und als Weihnachtsgeschenk verschenken. Dann kommt das Buch persönlich signiert zu euch oder zu jeder anderen angegebenen Adresse (innerhalb BRD).

18. Dezember

Um ihre Belustigung zu verstecken, ging Josefine zur ersten Whiteboard-Tafel hinüber. Auf dieser waren zwei Karten von einer beinahe identisch angelegten Stadt am Meer befestigt, durch die sich zwei Flüsse wanden, die sich schließlich vereinten. Die Beschriftung bestätigte ihre Vermutung: Bei der linken Karte handelte es sich um eine aus dem Jahr 1939 stammende Darstellung von Königsberg, die rechte zeigte das aktuelle Kaliningrad.

Josefine wandte sich dem alten Stadtplan zu, bei dem es sich offensichtlich nicht um ein Original handelte, sondern um eine kürzlich ausgedruckte Kopie.

Königsberg. Dort war für kurze Zeit das Bernsteinzimmer ausgestellt gewesen und zuletzt gesehen worden. Von ihrem Großvater? Von seinem Bruder Helmut? Von einer Frau namens Lotti? Die vielleicht denselben Nachnamen gehabt hatte wie ihre Großmutter Anne?

Johannes hatte wenige Jahre nachdem diese Karte ursprünglich gezeichnet worden war in genau jener Stadt gelebt. Ich habe von all dem nichts gewusst. Weil Opa nie darüber gesprochen hat. Ob ich jemals davon erfahren hätte, wenn Fynn nicht aufgetaucht wäre?

Was sie außerdem irritierte war die Tatsache, dass es Johannes offenbar nicht schwerfiel, über diese längst vergangenen Zeiten zu sprechen. Hatte er nur darauf gewartet, dass man ihm die richtigen Fragen stellte? War Josefines Desinteresse an der Vergangenheit ihres Großvaters der wahre Grund für ihre Unwissenheit?

Den Blick weiter auf die historische Karte gerichtet, las sie das Wort Tiergarten. Sie kannte nur den Tiergarten in Berlin – der Stadt, in der Anne und Johannes sich kennengelernt haben mussten. Aber offensichtlich hatte es auch in Königsberg einen gegeben.

Josefine kam ein aufwühlender Gedanke: Wusste sie womöglich viel mehr über jene Zeit, über Ostpreußen und das Leben dort, als sie annahm? Weil Johannes ihr bereits als Kind seine wunderbar spannenden, stets bunt ausgeschmückten Geschichten erzählt hatte, die sie – zumindest in Teilen – immer ins Reich der Fantasie geschoben hatte?

Josefine atmete tief ein und durch gespitzte Lippen wieder aus. Sie spürte ein seltsam quirliges Ziehen in ihrem Inneren, das sie unschwer als Aufregung identifizieren konnte. Es fühlte sich an wie am Tag des Mathematikabiturs, als sie vor den verdeckten Aufgabenblättern gesessen hatte. Oder als sie mit ihrer Jugendgruppe beim Kanufahren auf der Donau plötzlich von einem Unwetter überrascht worden war, die Wellen die Boote bedrängt und die Bäume Äste auf sie herabgeworfen hatten.

Ihre Angst hatte sich damals mit etwas verbrüdert, was sie erst später als Lebendigkeit identifiziert hatte. Als pure Lebensfreude, ein Ausbrechen aus dem Alltäglichen. Und dabei war sie auch heute noch der festen Überzeugung, dass sie den Gleichklang der Tage liebte, die Beschaulichkeit ihres Daseins, die Sicherheit innerhalb ihrer selbst gesteckten Grenzen. Sogar ihr Urlaub am Chiemsee, den sie leichten Herzens storniert hatte, war ihr bereits wie ein großes Abenteuer erschienen ...

War dies der Grund, weshalb Johannes ihr gegenüber immer wieder andeutete, dass sie die Freiheit annehmen und genießen solle, die sie in einem demokratischen, friedlichen und freien Land geschenkt bekam?

„Königsberg“, sagte Fynn hinter ihr.

Josefine schloss für einen Moment die Augen und spürte der von seinem Körper ausgehenden Wärme nach, obwohl er sie diesmal nicht berührte. Dieser Mann glich einem Vulkan, und Josefine war sich sicher, dass es besser für sie wäre, sich nicht in seiner Nähe aufzuhalten.



Noch immer könnt ihr den Gutschein für DIE ERBIN DES BERNSTEINZIMMERS bestellen und zu Weihnachten verschenken. Dann kommt das signierte Buch ganz automatisch im März zur angegebenen Adresse. Selbstverständlich könnt ihr die Aktion auch zum Vorbestellen nutzen. Schließlich darf man sich ja auch mal selbst beschenken!
Und als Überraschung gibt es in ein Päckchen einige Bernsteinsplitter - vielleicht bist Du ja der/die Glückliche!
HIER geht es zur Gutschein-Aktion.

17. Dezember

Josefine fand Fynns Grinsen entschieden zu einnehmend, also wandte sie sich ruckartig von ihm ab. Sie trat durch die stattliche Eingangstür und in einen Raum, der beinahe die gesamte Wohnfläche des Erdgeschosses einnahm. Ihr gegenüber lag eine Fensterfront mit Blick auf eine wild wuchernde Grünfläche und weitere Wächterbäume.

Josefine sah sich irritiert um und war sich sofort sicher, dass Pauls Eltern nicht mehr hier lebten. Von den exquisiten Möbeln und dem großen offenen Natursteinkamin war nämlich kaum etwas zu sehen, weil überall Pappschachteln, Papierstapel, Kartenrollen, Sammelmappen, graue Ringordner und etliche magnetische Whiteboards herumstanden. Das Zimmer vermittelte den Anschein, als arbeiteten hier für gewöhnlich um die zwanzig Personen an einem dringlichen Projekt. Allerdings hatte wohl irgendjemand versehentlich sämtliche Fenster und Türen geöffnet, sodass eine kräftige Windbö das gesamte Arbeitsmaterial emporgehoben und nach einem wilden Tanz durch den Raum willkürlich wieder abgesetzt hatte.

„Willkommen in unserem kreativen Chaos.“ Fynn rieb sich mit dem Zeigefinger die linke Wange, eine Angewohnheit, die Josefine noch aus Schulzeiten kannte und als ein Zeichen von Unsicherheit und Unbehagen identifiziert hatte.

„Geht es deinen Eltern gut?“, erkundigte sich Josefine bei Paul. Erst nachdem sie die Frage laut ausgesprochen hatte, wurde ihr bewusst, wie diese für ihn klingen musste. Prompt lachten die Männer schallend auf, und sie trat schnell zurück, nur für den Fall, dass Paul sie erneut in den Arm nehmen wollte. Doch der hielt nur triumphierend seinen Geldbeutel in die Luft, den er vermutlich gesucht hatte, und meinte an sie gewandt: „Keine Angst, sie liegen nicht irgendwo unter den ganzen Sachen, Teilen, Gegenständen begraben.“

„Wann hast du zuletzt nachgesehen?“

Wieder lachten die beiden, und Paul zog einen Zehneuroschein aus dem Geldbeutel. Wollte er sie fortan für jede schlagfertige Erwiderung bezahlen?

Paul drückte Fynn das Geld in die Hand, der es grinsend in der Gesäßtasche seiner schwarzen Cargohose verschwinden ließ.

„Ich habe gewettet, dass du nicht herkommen wirst, weil du unsere Erkenntnis, Eingebung, Überzeugung hinsichtlich des Bernsteinzimmers für völlig durchgeknallt hältst“, erklärte Paul und reihte wie zuvor mehrere sinngleiche Wörter aneinander. Das kannte sie so nicht von ihm. Ob das eine neue Angewohnheit war?

„Das tue ich tatsächlich“, murmelte Josefine und schüttelte dann irritiert den Kopf. Hatte Paul sie vorhin nicht mit den Worten begrüßt, er sei sich sicher gewesen, dass sie herkommen würde? Sie stellte ihm diese Frage, woraufhin er nur mit den breiten Schultern zuckte. Dabei wirkte er wie ein Bär, dem man soeben den Honig weggenommen hatte.

„Wir waren beide von deinem Kommen überzeugt, aber Fynn wollte unbedingt wetten. Und da er schneller war als ich, blieb mir nur der Dagegen-Part.“

„Ihr seid noch genauso durchgeknallt wie früher!“

Die Männer gaben sich eine Gettofaust.

16. Dezember

„Verlassen Sie sofort den Raum!“, bellte eine Stimme hinter ihnen. Helmut wirbelte herum und sah sich einem Hauptmann gegenüber. Rasch war ihm klar, dass nicht er, sondern der andere Mann gemeint war. Dieser verließ umgehend den Saal.

„Ich habe schon gestern verzweifelt versucht, der Zerstörung Einhalt zu gebieten. Wie es aussieht, vergebens.“ Der Hauptmann hielt ihm ein gefaltetes weißes Taschentuch hin, dem ein Hauch von Kölnisch Wasserentstieg. Irritiert blinzelte Helmut ihn an.

„Ihre Hand blutet“, lautete der knappe Kommentar des Offiziers. Erst jetzt zog Helmut ein scharfer Schmerz von den Fingerspitzen bis in die Schulter, flammte ein zweites Mal heftig auf und glühte dann nur noch in seiner Hand. Dankend nahm er das Taschentuch entgegen und presste es auf den tiefen Schnitt.

„Hans Hundsdörfer, sechste Panzerdivison“, stellte sich der Hauptmann vor, und Helmut nannte ihm eilig seinen Namen.

„Wie kann man die Schändung eines Kulturerbes wie diesem nur verhindern, Herr Hauptmann?“, flüsterte er und betrachtete dabei voller Betroffenheit die leeren Stellen im Gesamtbild. Sie glichen Wunden wie der in seiner Hand und schmerzten kaum weniger.

„Das wird geschehen, wenngleich einige Tage zu spät“, versprach ihm Hundsdörfer.

„Werden hier Wachen postiert, Herr Hauptmann?“ Helmut fand es schrecklich, diese Frage überhaupt stellen zu müssen. Denn wenn das der Fall wäre, müssten die Bewacher das Bernsteinzimmer vor dem Zugriff der eigenen Landsleute, ihrer Kameraden, schützen.

„Das wird sicher passieren, Korell. Aber Sie sollten jetzt nach Ihrer Hand sehen lassen. Wir sind darauf angewiesen, dass Sie und die anderen Fahrer uns weiterhin mit allem versorgen, was wir benötigen. Und dafür brauchen Sie beide Hände.“

Na gut, da diese Texstelle, der "Rest" der Szene von gestern, etwas kurz ist, suche ich euch noch eine weitere heraus. Und dabei dürft ihr dann auch gleich Paul, Fynns bester Freund kennenlernen.
Wer das ganze Buch lesen will - oder zu Weihnachten verschenken ... ach, ihr wisst ja. HIER ist der Link zur Gutschein-Aktion!

April 2018 – Backnang bei Stuttgart

Josefine

Josefine folgte Fynn die schmalen Stufen zu dem zweistöckigen Backnanger Fachwerkhaus hinauf, in dem Paul Fechter schon während seiner Schulzeit gewohnt hatte. Dabei ließ sie beide Hände über das kunstvoll geschwungene gusseiserne Geländer gleiten und wischte die wie Tränen anmutenden Regentropfen ab. Neugierig sah sie sich um und fragte sich, ob Paul mit seinen dreißig Jahren wohl noch gern bei seinen Eltern wohnte.

Auf dem oberen Treppenabsatz angelangt, drehte sich Josefine um und schaute die steil ansteigende Straße entlang. Johannes, ihr Vater und sie hatten nur wenige Häuser weiter gewohnt, oberhalb der Arztpraxis ihres Großvaters. Nachdem dieser ins Altenheim gekommen und ihr Vater verstorben war, war Josefine in ein modernes kleines Apartment gezogen, das ihr mehr entsprach als eine der hiesigen historischen, ja teilweise herrschaftlichen Villen. Zumal sie das Haus hatte verkaufen müssen, um die Pflege von Johannes bezahlen zu können.

Sie konnte ihr früheres Zuhause aufgrund der hohen Bäume und wild wuchernden Büsche nicht sehen, die den Eindruck vermittelten, das stattliche Fachwerkgebäude, vor dem sie stand, bewachen zu müssen. Dafür erblickte sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen silbergrauen Peugeot mit dem gelben Werbeemblem einer Mietwagenfirma. Irritiert darüber, dass hier, genauso wie gerade eben auf dem Staigacker, ein Mietwagen desselben Unternehmens in derselben Farbe und Ausführung stand, runzelte sie die Stirn.

„Jo!“

Das Ertönen einer Stimme, die Josefine an das Brummen eines Grizzlybären erinnerte, ließ sie zusammenzucken.

„Ich wusste, dass du herkommen würdest, kleine Jo! Du warst schon immer sehr, sehr wissbegierig!“

„Klein?“, fragt Josefine und lachte auf. Mit ihren 1,77 Metern war sie zwar kein Riese, aber alles andere als klein. Als sie sich umdrehte, sah sie unmittelbar vor sich eine breite Brust. Sie hob den Kopf und blickte in zwei munter blitzende braune Augen. Viel mehr war von Pauls Gesicht nicht zu sehen, da es sich hinter einem blonden Vollbart und unter einer wilden blonden Lockenpracht versteckte.

Josefine staunte nicht schlecht. Paul war damals schon stämmig und groß für sein Alter gewesen. In den vergangenen Jahren hatte er sich allerdings nicht nur eine Grizzlystimme zugelegt, sondern auch die dazu passende Statur.

Ehe Josefine einen Ton hervorbringen konnte, zog der Bär von einem Mann sie auch schon in seine kräftigen Arme, sodass sie Mühe hatte, zumindest mit den Zehenspitzen auf dem Boden zu bleiben.

Neben sich hörte sie Fynn auflachen. Ihm war ihre Verblüffung offensichtlich nicht entgangen. Zudem wusste er, dass sie Umarmungen seitens des männlichen Geschlechts nicht sonderlich schätzte, es sei denn, es handelte sich um nahe Verwandte. Von diesen war ihr aber nur noch Johannes geblieben, der wohl auch nicht mehr lange … Sie verdrängte den Gedanken daran, dass ihr Großvater bald sterben könnte, und befreite sich aus Pauls Armen.

„Hey, Fynn“, knurrte Paul nur und drehte sich in Richtung des kleinen Vestibüls.

Josefine hob die Augenbrauen aufgrund der unterkühlten Begrüßung. Offenbar war Paul gerade nicht besonders gut auf seinen langjährigen Freund zu sprechen.

„Jetzt hab dich mal nicht so, Kumpel.“

An seinem Tonfall hörte Josefine, dass Fynn sich weidlich über Paul amüsierte. Gleich darauf spürte sie seine Hand in ihrem Rücken, wohl weil er sie auffordern wollte, ebenfalls das Haus zu betreten. Sie vollführte zwei große Schritte und entzog sich somit seiner Berührung. An der Stelle, wo seine Hand für einen kurzen Moment geruht hatte, blieb jedoch eine seltsam angenehme, ja prickelnde Wärme zurück. Wie hatte sie nur annehmen können, gegen diesen Mann immun zu sein?

Da eine Menge Schuhe im Eingangsbereich herumlagen, schlüpfte Josefine aus ihren Sneakers und platzierte sie auf einer der wenigen freien Stellen. Fynn hingegen pfefferte seine Turnschuhe einfach über ihre hinweg.

„He, du bist hier nicht zu Hause“, rügte sie ihn, bückte sich und stellte sein Paar ordentlich neben ihres.

„Schau dich hier doch mal um. Unsere Schuhpaare fallen hier aus dem Rahmen wie eine zerzauste Promenadenmischung bei einem Rassehundeschönheitswettbewerb.“

„Ich bin beeindruckt, dass du diesen Satz ohne einen Knoten in der Zunge hinbekommen hast. Aber gerade du solltest doch wissen: Es ist meist von Vorteil, wenn man kein Mitläufer ist und nicht alles ungeprüft übernimmt.“

„Eins zu null für dich.“

15. Dezember

Puschkin, einst Zarskoje Selo "Das Zarendorf", liegt 25 Kilometer südlich von St. Petersburg und beherberg eine der schönsten Zarensesidenzen Russlands, den Katharinenpalast. Dort fand das Bernsteinzimmer seine Heimat und Vollendung, nachdem es über viele Jahre hinweg ein Dasein verpackt in Kisten fristete. (Mehr Details erzähle ich bei meinen Lesungen - also, ladet mich gern ein. In eure Buchhandlung, Bibliothek, Gemeinde oder zu einer "klein aber fein"-Lesung in euer Wohnzimmer, den Garten, euren Laden - wohin auch immer!) 

Oktober 1941 – Puschkin

Helmut

Helmut war nicht in der Lage zu unterscheiden, ob er es nicht fassen konnte oder wollte. Jene Unsicherheit barg in dieser Zeit allerdings die Gefahr, derlei Gedanken womöglich einmal laut auszusprechen. Also schluckte er sämtliche Eindrücke und Gefühle hinunter, auch wenn sie ihm wie Säure den Magen zu verätzen drohten.

Nach einem viertägigen verlustreichen Häuserkampf, da sich die Verteidiger besonders verbissen zur Wehr gesetzt hatten, war die weltberühmte Residenzstadt nun fest in der Hand der deutschen Wehrmacht. Einst als Zarskoje Selo, „das Zarendorf“, bekannt, dann in Detskoje Selo umbenannt, trug die Stadt nun den Namen des russischen Dichters Puschkin, da dieser hier das Lyzeum besucht hatte.

Zu dem Zeitpunkt, als Helmut Puschkin erreichte, waren bereits fünf Armee-Einheiten damit beschäftigt, den Sitz ihrer Stäbe im Katharinenpalast einzurichten. Einem Palais, dessen Kunstschätze von den zumeist sowjetischen Frauen nicht rechtzeitig hatten fortgebracht werden können.

Helmut verspürte Bedauern und Faszination zugleich, als er die über zweihundert Jahre alte goldene Enfilade entlangschritt. Offiziere der Wehrmachtsstäbe richteten sich in den prunkvollen Schlafgemächern ein. Sie legten ihre mit Schmutz besudelten, speckigen Unterlagen, zerknitterten Karten und privaten Besitztümer auf dem barocken Mobiliar ab und funktionierten die Herrscherräume zu ihren Kommandostellen um. In allen Zimmern, seien es die Bibliotheken, Wirtschaftsräume oder Festsäle, wimmelte es von Soldaten, die die prachtvolle Einrichtung begrabschten. Mit ihren verdreckten und derben Stiefelsohlen zerkratzten sie die wertvollen Intarsienböden; zumindest jene, die nicht mit einer dicken Sandschicht bedeckt waren – eine letzte, verzweifelt anmutende Schutzmaßnahme durch die Sowjets.

Eine Granate hatte die Decke des Großen Saals durchschlagen und dabei eine fast fünfzig Meter lange und zwanzig Meter breite Schneise der Verwüstung hinterlassen. Trümmer aus Marmor und Stuck lagen weit verstreut herum.

Auf seinem Weg, der ihn zugleich staunen und verzweifeln ließ – Letzteres, weil man wertvolle Bilder abgenommen und in die requirierten Schlafräume gehängt hatte und zudem erlesene Möbelstücke als Ablage für Gewehre, Kisten und Kleidung missbrauchte –, durchschritt Helmut etliche Zimmer, bevor er schließlich das Bernsteinzimmer erreichte.

Er unterdrückte einen entsetzten Aufschrei, denn das Gefühl, sein Herz würde jeden Moment in Tausend Teile zerspringen, geziemte sich nicht für einen Soldaten. Jedoch umso mehr für einen Kunstliebhaber und Historiker, einen Mann, der Schönheit zu schätzen wusste.

Die Sowjets hatten versucht, möglichst viel des beweglichen Inventars vor den Deutschen zu retten; das Bernsteinzimmer war für einen raschen Abbau jedoch völlig ungeeignet. Dennoch hatten sie es vor Geschosseinschlägen zu schützen versucht, indem sie die Wände mit Mull, Watte und dicker Pappe abgedeckt hatten. Die Fenster mussten bis zum Eintreffen der Wehrmacht mit Brettern vernagelt gewesen sein. Diese Schutzvorkehrungen waren von den deutschen Soldaten inzwischen heruntergerissen worden. Auf dem Boden verteilt lagen Pappreste und Holz, dazwischen schimmerten Bernsteinsplitter wie goldene Tränen. Die Besatzer hatten wahllos Bernsteinschnitzereien abgeschlagen und mithilfe ihrer Seitengewehre unzählige Verzierungen, Reliefs und Medaillons herausgebrochen. Gerade war wieder ein Landser damit zugange, eine in aufwendiger Handarbeit kreierte Bernsteinrosette vom Holzpaneel zu lösen.

Wutentbrannt ob der Zerstörung rannte Helmut zu ihm hin und riss ihm das Messer, das er als Werkzeug benutzte, aus der Hand. Dabei schnitt die Klinge tief in Helmuts Handfläche. Er bemerkte weder den Schmerz noch das Blut, obwohl es den Sand zu seinen Füßen rot färbte.

„He, bist du –“ Der Landser versetzte Helmut einen Stoß, der ihn rückwärtstaumeln ließ.

„Lassen Sie das doch bleiben! Sie destruieren ein Meisterwerk!“ Helmut zwang sich zu einer äußerlichen Ruhe, die er nicht verspürte, versuchte aber weiterhin, dem Soldaten die Augen zu öffnen. „Dies ist ein zeitloses Kunstwerk, vom preußischen König Friedrich Wilhelm dem Ersten in Auftrag gegeben und dem Zaren Peter dem Großen im Jahr 1716 zum Geschenk gemacht. Unterlassen Sie es um Himmelswillen, dieses Kabinett weiter zu zerstören!“ Helmut drohte, knurrte, keuchte, warf das Messer von sich und fuhr sich aufgebracht mit beiden Händen durchs Haar. Er hatte keine Ahnung, wann und wo er seine Kopfbedeckung eingebüßt hatte. Vielleicht während seines Spießrutenlaufs durch die Flure und Räume, im Gedränge der Soldaten, die gafften, an sich rafften und dabei ein unersetzbares Stück Menschheitsgeschichte ruinierten.

„Du bist ja völlig übergeschnappt“, raunzte der Landser ihn an und wollte sein Messer aufheben.

HIER findet ihr die Weihnachts-Geschenk-Gutschein-Aktion. Noch gibt es Gutscheine - und vielleicht bekommst Du (oder die von Dir beschenkte Person) mit dem Buch auch noch einige Bernsteinsplitter.


14. Dezember

Helmut bückte sich, hob eine Muschelschale auf, an deren Außenseite ein Stück abgebrochen war, und betrachtete sie, als habe er nie zuvor eine Herzmuschel gesehen.

Johannes seufzte innerlich. Was hatte sein Bruder nur erlebt, dass es ihn vollkommen aus der Bahn zu werfen drohte? War auch er – wie die Muschel – im Begriff zu zerbrechen?

„Nein, Herr Doktor“, sagte Helmut spöttisch und lachte dabei. Sein Lachen klang gekünstelt und war zugleich ein deutlicher Hinweis an ihn, den Jüngeren, die Antwort zu akzeptieren. „Erzähl du mir lieber, was du hier so treibst, wenn du nicht gerade Leben rettest oder das Fräulein Charlotte anschmachtest.“

Johannes kam seiner Bitte nach und berichtete von seinen kurzen Ausflügen nach Laptau, ins Seebad Cranz und zum Kurischen Haff. Von den Ausstellungen im Schloss und der reichlich aus dem Ruder gelaufenen Geburtstagsfeier eines Kollegen. Während er launig die schrillen und komischen Szenen der Feier zum Besten gab, warf er mehrmals einen forschenden Seitenblick auf Helmut. Der schlenderte stumm neben ihm her und betrachtete die im schwächer werdenden Abendlicht silbern schimmernde See.

Sein Bruder war schon immer grüblerisch veranlagt gewesen. Feinfühlig und mit einem großen Gerechtigkeitsempfinden ausgestattet. Jetzt wirkte seine Stimmung nahezu gedämpft. Als würde ihn eine schwere Last niederdrücken, die sein Herz zu zerquetschen drohte.

Johannes nahm an, dass es um weit mehr ging als nur um Helmuts Zwiespalt, was den raschen Erfolg der Heeresgruppe Nord einerseits und seine Liebe zu Leningrad und dessen Einwohnern andererseits betraf. Um mehr als die Angst um sein Leben, wenn er in einem mit Partisanen durchsetzten Gebiet unterwegs war. Um mehr als den schwelenden Schmerz, weil er Raisa hatte zurücklassen müssen und nun nicht wusste, ob sie sich noch in der Stadt aufhielt, um die sich zusehends der Ring schloss, die bombardiert und beschossen wurde.

Seinem grüblerischen Wesen zum Trotz stand Helmut Hitlers Aufstieg und dem Krieg weit weniger kritisch gegenüber als Johannes. Vielleicht weil der ältere der beiden Korell-Brüder sein Studium Mitte der dreißiger Jahre bereits abgeschlossen gehabt hatte und in der Weltgeschichte unterwegs gewesen war. Johannes hingegen hatte in seinem studentischen Umfeld sowohl Zweifel und leise Glutnester des Widerstandes erlebt als auch Kommilitonen voller Begeisterung; trunken vor Stolz und Verehrung und überzeugt davon, dass sie die Zukunft eines neu erstarkten Deutschlands waren ...

Als sie kurz zuvor im mondänen Café Bauer, das in unmittelbarer Nähe zur Universität, zu Europas größter Buchhandlung Gräfe und Unzer und zum Schlossteich lag, einen Imbiss zu sich genommen hatten, hatte Helmut jedoch etwas Seltsames gesagt: „Wenn die Massen all das ungefiltert hinnehmen, was die Wenigen sagen, muss sich niemand wundern, wenn die Massen kurz darauf tun müssen, was die Wenigen sagen.“ Dann hatte er weit weniger philosophisch, dafür aber deutlich leiser hinzugefügt: „Auch wenn sie es zum Kotzen finden!“

Während die Ostsee ihr zahmes Gesicht zeigte, indem sie allmählich die sattblaue Farbe des Himmels annahm und freundlich rauschend den Tag verabschiedete, schien sich in Helmuts Innerem etwas Beunruhigendes zusammenzubrauen. Etwas, das Schwärze mit sich führte und knurrend wie ein blutrünstiger Wolf auf die dunkle Nacht wartete. Und Johannes, der Tag für Tag danach trachtete, Menschenleben zu retten, sah sich nicht imstande, seinem eigenen Bruder zu helfen.

Weihnachtsgeschenkgutscheinaktion

13. Dezember

Heute springen wir ein bisschen im Text, bleiben aber in den 1940er Jahren und damit bei Johannes und Charlotte in Königsberg. Ein Besuch an der Ostsee ist ja immer schön, allerdings ist Helmut, Johannes älterer Bruder nicht eben bester Stimmung ...

 

Die Möwen, die am Strand nach angespültem Futter gesucht hatten, flohen kreischend in Richtung des abendlich violetten Himmels und wirbelten schließlich über die See davon. Das Wasser versuchte sich daran, das Farbenspiel von Sonne und Wolken nachzumalen. Links der Brüder rauschte das kleine Wäldchen im Wind, der von Zeit zu Zeit den feinen Sand aufwirbelte und ihn über den spärlich bewachsenen Landstrich hinweg in Richtung Königsberg trug.

Mit einer Sanftheit, die nicht zu dem Gemütszustand passte, in dem sich Johannes befand, leckten die Ostseewellen am Ufer. Sie schwemmten leise klirrende Muschelteilchen mit sich und zogen sich gurgelnd wieder zurück. Die Luft roch nach Salz und Tang. Nach Freiheit und Weite.

„Ich vermute, dass die Soldaten in den nächsten Tagen die Vororte von St. Petersburg erreichen werden.“ Helmuts Stimme war grollend, seine Stimmung düster.

Johannes verstand das nur zu gut. Sein älterer Bruder hatte deutlich länger als er in Leningrad gelebt, wie die Stadt seit der Revolution hieß. Er hatte sich für die historischen Bauten und für die Geschichte der Zarenpaläste und -gärten begeistert. Und er hatte dort ein Mädchen geliebt und zurücklassen müssen. Das alles sah er nun in Gefahr. Die mit ihren Panzern und Granatwerfern voranstürmende Wehrmacht brachte Zerstörung und Leid; die Bomben, die die Flugzeugstaffeln abwarfen, taten ein Übriges.

„Haben die Sowjets die Zivilisten evakuiert?“

Helmuts trockenes Auflachen ließ Johannes zusammenzucken. Ohnehin missfiel ihm die düstere Aura, mit der sich sein Bruder im gleichen Maße zu umgeben schien, wie die 18. Armee den Ring um Leningrad schloss. Manchmal gab es lichte Momente, wie vorhin, als er ihn abgeholt und wegen seiner heimlichen Schwärmerei für die zierliche Rothaarige aufgezogen hatte. Doch Helmuts Stimmung änderte sich ebenso schnell wie das Wetter über der Ostsee.

„Ich habe den Eindruck, sie sind vielmehr daran interessiert, die Zukunft ihrer Industrie zu sichern“, erwiderte Helmut auf die Frage nach den evakuierten Zivilisten.

„Die ist aber doch wichtig für sie“, meinte Johannes leise. Denn wie sollten die Sowjets sich der Invasoren erwehren, wenn diese sich der russischen Industrieanlagen bemächtigten? Wieder einmal fragte sich Johannes, wem sein Herz eigentlich gehörte. Er war Deutscher, rettete deutsche Soldaten – oder versuchte es zumindest – und liebte seine Heimat. Württemberg, vielleicht auch Königsberg, obwohl er seine Tage hier mit Verletzten und Sterbenden zubrachte. Doch Leningrad war ebenfalls ein Teil seiner persönlichen Geschichte. Um wie viel mehr musste es Helmut dieser Tage das Herz in Stücke reißen?

„Hast du in den letzten vier, fünf Jahren etwas von Raisa gehört?“

Sein Bruder schüttelte den Kopf und stieß mit dem Fuß ein Stück Schwemmholz weg. Voller Sorge musterte Johannes ihn und sah die geballten Fäuste, die neu hinzugekommenen Furchen auf seiner Stirn, die tiefen Falten neben seinen Mundwinkeln und die umwölkten Augen.

Kein Zweifel: Helmut litt. Im Stillen und darum bemüht, dies vor ihm und dem Rest der Welt zu verbergen. Eigentlich saß er nur hinter dem Lenkrad eines Lastkraftwagens, und doch hatte sich das Grauen des Krieges förmlich durch seinen Körper hindurchgefressen, hinein in seine Gedanken, sein Herz und seine Seele.

„Willst du ... willst du mir nicht erzählen, was dich bedrückt?“, fragte Johannes, und eine weitere Windbö trug die Worte mit sich davon.


Ich freue mich über viele Gutschein-Bestellungen. Einige hoffen wohl sehr auf die kleinen Bernsteinsplitter (die allerdings nicht von der Ostsee bei Königsberg stammen, sondern aus Dänemark.)

Falls Du das Buch vorbestellen oder verschenken möchtest, gibt es HIER die Gelegenheit dazu. Natürlich verschicke ich die Exemplare persönlich signiert - sobald das Buch im März erhältlich ist.


12. Dezember

HIER geht es zur Gutschein-Aktion.

Königsberg war rund 700 Jahre lang die Hauptstadt von Ostpreußen. Allerdings war die Stadt nach dem 1. Weltkrieg (Versailler Vertrag) vom eigentlichen Deutschen Reich abgeschnitten, da sich Polen dazwischen schob. Bis zum Ende des 2. Weltkriegs war Königsberg die östlichste Großstadt Deutschlands. Seit 1945 heißt Königsberg Kaliningrad und ist, gemeinsam mit dem Umland, eine russische Exklave (siehe dazu auch mein Roman "Der Sommer danach").  Diese grenzt an Polen, Litauen und die Ostsee.

Charlotte gehorchte und sprang ebenfalls in die undurchdringliche Dunkelheit. Helmut hörte ihr Aufstöhnen, als sie hart auf dem Boden aufkam. Er knallte die Luke zu und ignorierte den protestierenden Aufschrei, der aus dem Keller zu ihm heraufdrang. Mit bebenden Händen, pfeifendem Atem und dem Gefühl, dass die Sekunden nur so davonflogen, nahm er sich dennoch die Zeit, die Kette wieder durch die Ösen zu führen. So hatten ihre Verfolger keinen Grund anzunehmen, dass sich dort unten jemand versteckt hielt, denn die Kette konnte nur von außen vorgelegt werden.

Die Gasse war – bis auf ihn – noch immer verwaist. Hatte man die Jagd nach ihnen abgeblasen? Wollten ihre Häscher doch lieber das eigene Leben retten und waren vor dem Bombardement der Engländer geflohen?

Zögernd wandte er sich um. Dann sah er sie: schwarze Silhouetten vor grauen Mauern, über denen das orangefarbene Licht eines Infernos zuckte. Also rannte er wieder los, hinein in die nächste Gasse, betend und hoffend, dass sich keiner seiner Verfolger die Zeit nahm, die Keller zu überprüfen.

Sie sollen mir hinterherlaufen. Sollen mich bekommen. Nicht Charlotte, nicht Johannes. Helmut war ohnehin fertig mit dem Leben. Graue Wolken und schwarze Leere hatten sich seiner Seele bemächtigt; ihre Namen lauteten Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Aber sein kleiner Bruder liebte. Also sollte er leben. Denn in der Liebe wohnt die Hoffnung, blüht das Leben. Für Johannes und Charlotte wollte er sich opfern. Schließlich hatte er Raisa nicht retten können. Und das Bernsteinzimmer war wohl auch für immer verloren ...

„Stehen bleiben!“, bellte Bardun.

Helmut warf sich gegen eine Hausfassade. Der Schuss, von einem der Verfolger abgegeben, ging fehl.

Hastig schob er sich in eine angrenzende Gasse, hob den Kopf, bemerkte sie. Sie hatten ihm den Weg abgeschnitten. Ihre Schritte fielen nun nicht mehr schnell und raumgreifend aus, sondern gemächlich, fast schlendernd. Die Männer waren sich ihres Sieges bewusst. Die Füchse hatten das Kaninchen erfolgreich in die Falle getrieben.

Helmut drückte sich in die Nische eines Hauseingangs. Er lehnte sich an die Tür, benötigte einen Augenblick für sich. Denn vermutlich waren dies seine letzten Atemzüge in Freiheit.


11. Dezember

Heute springen wir mal, und zwar nicht nur an einen anderen Ort, sondern auch in eine andere Zeit ... Hier lernt ihr nun die anderen Protagonisten kenne, die ebenso wichtig sind, wie Josefine, Fynn, Paul ...

Vier

August 1944 – Königsberg

Helmut

Gehetzt sah Helmut zurück. Er war längst über die Trümmerteile hinweggeeilt, die sich ihnen auf ihrer Flucht in den Weg stellten. Doch Charlotte und Johannes kamen nicht schnell genug voran. Das lag nicht an dem Mädchen, für das Helmut inzwischen nichts als Bewunderung und Hochachtung empfand. Johannes war es, der sie aufhielt. Oder vielmehr die Schussverletzung an seinem Oberschenkel.

Im Lichtschein der über Königsberg herfallenden Feuersbrünste sah Helmut die Schemen hinter den beiden. Er hörte die Rufe ihrer Verfolger und den harten Aufprall ihrer Stiefel. Polternd. Dröhnend. Bedrohlich. Sie trachteten nach ihrer Freiheit. Und wohl auch nach ihrem Leben. Weil sie verlernt hatten, beides zu respektieren.

Helmut wusste, er war schuld an der Situation. Sein Plan war fehlgeschlagen ... Er sah, wie Johannes stürzte. Charlotte blieb stehen und zerrte ihn wieder auf die Beine. Ihr rotes Haar glühte im Widerschein der Feuer förmlich auf, verriet sie.

Die Verfolger kamen näher, während das Brummen über ihnen erneut an Intensität zunahm. Die britischen Bomber kehrten zurück. Der Boden bebte. Feuerzungen leckten am nachtschwarzen Himmel. Fensterscheiben zersprangen schrill klirrend, berstendes Gemäuer und sich verbiegende Stahlträger kreischten um die Wette. Eine bizarre Melodie des Todes lag über der Stadt.

Obwohl es Helmut drängte weiterzulaufen, verharrte er. Wartete auf die beiden. Die Männer hinter ihnen zögerten, also richtete er seine Waffe auf die Verfolger. Diese diskutierten. Einer deutete nach oben.

Vielleicht sind die britischen Flugzeuge unsere Rettung, nicht unser Ende.Helmut packte seinen Bruder am Arm und legte sich diesen über die Schulter. In einer Reihe hasteten sie weiter. An einer Hausecke wandte Helmut den Kopf. Einige der Schergen hatten sich zurückgezogen. Zu sehr fürchteten sie die erneut niedergehenden Bomben. Zu recht! Aber für Helmut, Johannes und Charlotte gab es keinen Zufluchtsort. Sie befanden sich weiterhin auf der Flucht.

Die übrigen Schatten kamen näher. Gleißendes Licht beleuchtete die Verfolger für einen Augenblick. Zwei Orpo-Männer[i] und Adolf Bardun. Der Wahnsinn stand dem Zellenleiter ins verzerrte Gesicht geschrieben.

„Hier lang“, zischte Helmut, als würde er sich in Königsberg auskennen und nicht die beiden anderen. Doch er war der Drahtzieher. Er wollte sie beschützen, musste sie in Sicherheit bringen.

Hastig bogen sie in eine Nebenstraße ein. Die Pflastersteine waren glitschig. Hohl hallten die Schritte der Fliehenden von den Hauswänden wider.

„Schneller, schneller!“, trieb Charlotte sie an. Panik schwang in ihrer Stimme mit. Sie wusste, was mit ihnen geschehen würde, falls man ihrer habhaft wurde; kannte die Vorgehensweise der Staatspolizeistelle Königsberg.

Helmut sah sich gehetzt um und zerrte dann an der Luke eines Kellerzugangs. Sie war verschlossen.

Charlotte zog Johannes und somit auch ihn in eine schmale Seitengasse. Wieder waren sie vor den Blicken ihrer Verfolger geschützt. Eine trügerische Sicherheit. Trotz des infernalischen Lärms einige Straßenzüge weiter glaubte Helmut, die Männer zu hören. Ihren hart gehenden Atem, das Aufschlagen ihrer genagelten Schuhsohlen, das Rascheln ihrer Kleidung.

Erneut bog das Trio ab. Inzwischen überließ Helmut Charlotte die Führung, vertraute auf ihren Instinkt und ihre Ortskenntnis. Hier gab es keine zerstörten Häuser, dafür aber weitere Kellereingänge. Helmut sah eine schwarz verwitterte Holztür über einem Verschlag. Sie war nur mit einer Kette gesichert, das Schloss fehlte.

„Stopp!“, rief er und riss Johannes durch sein plötzliches Anhalten fast zu Boden. Der stöhnte, hielt sich erneut das Bein. Blut strömte über seine Hände.

Helmut wusste, sein Bruder brauchte Ruhe, denn jede weitere Bewegung förderte den Blutverlust. Also zog er die klirrenden Kettenglieder aus den beiden Metallbögen. Charlotte erfasste sofort, was er vorhatte. Sie wuchtete die Holzluke hoch und trat beiseite. Johannes stellte keine Fragen, sah sich nicht um. Er ließ sich einfach in das schwarze Nichts fallen; schrie dabei verhalten auf.

„Schnell, rein mit dir“, keuchte Helmut.



[i] Kurz für „Ordnungspolizei“. Zur Zeit des Nationalsozialismus das organisatorische Dach der uniformierten Polizeikräfte im Deutschen Reich. Die Orpo war Heinrich Himmler unterstellt und maßgeblich an unzähligen Kriegsverbrechen beteiligt.


Na, neugierig geworden, wie es weiter geht? (Hier findet ihr den Klappentext) Dann bestell doch einfach das Buch - signiert - vor. Oder verschenke es zu Weihnachten an einen lieben Menschen. Das geht mit dem Weihnachts-Geschenk-Gutschein.




10. Dezember

„Mein Bruder hieß Helmut. Er war acht Jahre älter als ich.“ Johannes’ Stimme klang, als ziehe jemand den Bogen über die Saiten einer nicht gestimmten Bratsche. Durchdringend und tief zugleich, disharmonisch und doch völlig klar.

Josefine fiel zurück auf den Stuhl und schüttelte fassungslos den Kopf.

„Junge, öffne mal den Kleiderschrank und hol die alte Metallkiste raus. Sie steht unten links.“

Josefine hörte am Quietschen der Schranktür, dass der Junge gehorchte. Gleich darauf stieß er sie leicht an. Da sie nicht reagierte, stellte er die Metalldose, in der einst Lebkuchen gewesen waren, einfach auf ihren Schoß.

Mit zitternden Händen hob sie den Deckel an. Das dünne Metall verzog sich, und die winzigen Scharniere quietschten, als wollten sie sich bei Josefine beschweren. Sie hätte die Dose auch lieber ungeöffnet in den Schrank zurückgestellt. Und Fynn augenblicklich aus dem Pflegeheim gejagt.

Ihre Augen weiteten sich. Auf dem dunkelblauen Samtstoff ruhte eine kleine Spieldose. Im Dämmerlicht des trüben Spätnachmittags schimmerte sie mattgolden. Josefine hob die Lebkuchendose an, um den Inhalt besser betrachten zu können. Prompt ließ der nun einfallende Lichtschein das kleine Schmuckstück in den wärmsten Farben erstrahlen. Sie kannte das fossile Harz, das zwischen hellem Gelb und lichten Brauntönen changierte. Bernstein.

Neben der filigran ausgearbeiteten Spieldose lag ein Brieföffner. Der aus dunklem, fast grünem Bernstein bestehende Griff war mit hauchzarten Gravuren versehen, über die Klinge zog sich eine Ranke mit Blättern und Weintrauben.

Erleichtert atmete Josefine auf. Woher auch immer Johannes diese beiden entzückenden Schmuckstücke hatte, sie waren definitiv nie Teil einer aus Bernstein gefertigten Wandverkleidung gewesen.

„Die Geschichte der beiden Schönheiten erzähle ich euch später“, flüsterte Johannes. Er hatte den Kopf ermattet zurückgelegt und hielt die Augen geschlossen. Saugte ihrer beider Anwesenheit jegliche Energie aus ihm heraus? Oder war sein Zustand vielmehr dem Inhalt der Metallbox geschuldet?

Josefine strich mit zitternden Fingern über den Samt und stockte. Unter dem Stoff ertastete sie noch etwas anderes. Zaghaft hob sie ihn an und legte ein seltsam geformtes Stück Bernstein frei. Instinktiv ließ sie es liegen; verbarg es vor Fynn.

Wie flüssiges Gold schimmerte das, was sie nicht zu berühren wagte. Es handelte sich um ein Bruchstück, das aussah, als habe man es mit roher Gewalt aus einem Kunstwerk herausgebrochen.

Königsberg, Bernstein ... Josefine hob den Kopf und schaute ihren Großvater an, der tief atmete. Ob er vor Erschöpfung eingeschlafen war?

Fassungslos senkte sie den Blick wieder, nahm den Bernstein nun doch zur Hand und bewegte das gut zehn Zentimeter lange und an seiner breitesten Stelle etwa halb so große Bruchstück, als sei es ein Puzzleteil, das es im Gesamtbild unterzubringen galt.

Aber war es nicht genau so? Hielt sie nicht ein Stück aus Johannes’ Vergangenheit in der Hand, ohne zu wissen, wo es hingehörte, wie sie es einordnen sollte? Lag der Abenteurer Fynn richtig mit seiner Annahme, dass Johannes Korell etwas über den Verbleib des Bernsteinzimmers wusste?



Soweit heute aus DIE ERBIN DES BERNSTEINZIMMERS.

Noch reicht es, ein signiertes Buch zu bestellen, damit es pünktlich vor Weihnachten bei euch bzw. bei demjenigen ankommt, den ihr beschenken wollt.
Die Gutschein-Aktion für das Bernsteinzimmer läuft bis zum 22.12.2022.
Und hier habe ich ein kleines EXTRA. Einem der Vorbesteller (ob nun als Gutschein für einen lieben Menschen oder "einfach so" für sich selbst), lege ich ein paar Bernsteinsplitter ins Päckchen ...



Willkommen beim Text-Adventskalender

9. Dezember

Josefine rutschte auf ihrem Stuhl zurück und suchte Halt an der harten Rückenlehne. Das Gefühl zu fallen breitete sich in ihr aus. Sie stürzte aus dem sicheren Nest, das Johannes für sie gebaut hatte, hinein in – ja, was? In eine Vergangenheit, von der sie vielleicht lieber nichts wissen wollte?

Was ging hier nur vor sich? Hatte Fynn recht, und sie lag falsch? Ihr Großvater war in Königsberg stationiert gewesen? War dort irgendetwas vorgefallen, was er tief in seiner Erinnerung vergraben hatte? Hatte er gar ein Unrecht begangen? Sich illegalerweise Kulturgüter oder Wertgegenstände angeeignet?

Josefine wurde es schwindelig und sie befürchtete plötzlich, ihren Anker zu verlieren. Ihren Halt in jener stürmischen See, die sich Leben nennt. Und das noch bevor der Himmel beschloss, ihr Johannes wegzunehmen. Eiskalte Angst bemächtigte sich ihrer. Davor, dass ihr Großvater Geheimnisse vor ihr hatte, die sie ins Chaos stürzen und ihn in ein vollkommen anderes Licht rücken könnten als jenes heimelige orangefarbene Leuchten, das ihr Zufluchtsort gewesen war, ihre Heimat, einfach alles, was sie hatte.

Entrüstet über sich selbst, weil ihr Kopf die Zweifel überhaupt zuließ, ballte Josefine die Hände zu Fäusten. Nicht immer ging ein Unrecht oder gar ein Verbrechen mit dem Verschwinden von Kulturgütern und Wertgegenständen einher, ganz egal, was dieser Abenteurer da gerade andeuten wollte, der in ihre winzige Familie einzudringen versuchte wie ein Pickel ins Eis. Er würde ihre Liebe zu Johannes nicht zerschmettern!

Josefine hatte zwar nicht alle Berichte über Fynns Erfolge und Misserfolge gelesen, aber sie wusste, dass während eines der jüngeren Gerichtsverfahren ein paar widerliche Dinge im Leben eines geachteten Beamten ans Licht gezerrt worden waren. Sie wollte nicht, dass auch über der Vergangenheit ihres Großvaters eine sie hämisch angrinsende, hässliche Fratze hing.

„Muss das wirklich sein?“ Ihre Stimme klang erschreckend zaghaft. Denn tief in ihrem Inneren schlummerte die Überzeugung, dass sie es wissen musste, falls es da etwas gab.

„Lass ihn, Josefine. Es ist ohnehin an der Zeit, darüber zu sprechen.“

Warum nur hätte sie sich am liebsten beide Ohren zugehalten und laut gesungen? Wie ein Kind, das sich krampfhaft darum bemüht, die Realität auszublenden ...

„Wir haben in einem Archiv mehrere Schreiben von Adolf Bardun gefunden. In diesen beschuldigt er Sie und Ihren Bruder, das Bernsteinstimmer gestohlen zu haben.“

Josefine verschluckte sich und musste kräftig husten. Das war ja wirklich eine haarsträubende Anschuldigung! Erbost sprang sie auf. „Bist du noch ganz bei Trost? Das Bernsteinzimmer? Aus dem Katharinenpalast? Das Prunkzimmer, das die Wehrmacht gestohlen und in Königsberg ...“ Sie stolperte über ihre eigenen Worte. Denn Johannes war ja offenbar in Königsberg stationiert gewesen. Und sie hatte nichts davon gewusst.

Gewaltsam hielt sie ihre wie Schwalben davonfliegenden Gedanken beisammen. Das, was Fynn da andeutete, konnte nicht wahr sein. Es durfte nicht wahr sein. Mit der Wahrheit ist es doch wie mit der Freiheit, oder etwa nicht? Beides ist schwer zu definieren, schwierig zu erfassen.

Josefine schüttelte energisch den Kopf. Für die Freiheit mochte das zutreffen, immerhin bedeutete die persönliche Freiheit für jeden Menschen etwas völlig anderes. Aber wie war das mit der Wahrheit? Durfte sie unterschiedlich interpretiert werden? Dehnte man sie dann nicht nach eigenem Gutdünken, bog sie sich für die eigenen Zwecke zurecht? Gab es nicht einfach nur wahr und falsch?

Das Schweigen im Raum schien immer schwerer zu wiegen. Josefine atmete tief durch. Hatte sie die ganze Zeit über den Atem angehalten? Weil Fynn ihr nicht nur ihren Anker entreißen, sondern sie auch gleich über Bord stoßen wollte?

Energisch rief sie sich zur Vernunft. Ihr Großvater wusste nichts über das sagenumwobene, seit Ende des Zweiten Weltkriegs wie vom Erdboden verschluckte Bernsteinzimmer, dessen Wert auf mehr als 120 Millionen Euro geschätzt wurde – von seinem ideellen Wert einmal ganz abgesehen.

Johannes war kein Dieb! Es gab nirgends ein Versteck, in dem er das Bernsteinzimmer hätte lagern können. Die Behauptung war grotesk und unverschämt!

„Außerdem hatte Opa keinen Bruder.“ Es kostete Josefine einige Mühe, nicht komplett die Beherrschung zu verlieren und Fynn anzubrüllen. Sie hob die Hand und deutete zur Tür. „Du gehst jetzt besser.“

Fynn schaute sie ernst an. Seine Augen funkelten in einem kühlen Grau, was Josefine frösteln ließ. Sie spiegelten Selbstsicherheit wider. Gewissheit. Etwas, was sie fast zum Schreien brachte, weil sie es nicht sehen wollte. Er hielt ihren Blick eine Zeit lang fest, wobei sich ein leichter Grünton in seine Iriden schlich. Beinahe so, als wolle Fynn sie mit jener sanfteren Augenfarbe um Verzeihung bitten. Schließlich erhob er sich, bereit, das Feld zu räumen.

Josefine nahm dies erleichtert zur Kenntnis. Er hatte sicher nur einen Schuss ins Blaue gewagt und sah jetzt ein, wie unsinnig sein Ansinnen war.

„Sein Name war Helmut.“

„Wie bitte?“ Josefine wirbelte zu ihrem Großvater herum.


Wie würde es euch wohl gehen, wenn man euch "einfach so" derlei sagen würde? :)
Also ich fände das reichlich "schräg".

Wenn ihr gern weiterlesen wollt - oder die Geschichte verschenken möchtet, dann bestellt das Buch doch vor, bzw. holt euch den Weihnachts-Gutschein. Wie das geht, könnt ihr HIER nachlesen.

8. Dezember


Josefine ging Richtung Tür, war sich allerdings unschlüssig, ob sie den Lümmel wirklich mit ihrem Großvater allein lassen sollte.

„Und da sind wir auch schon beim Thema. Ihre Familie. Mich würde interessieren –“

Bereits im Flur angelangt, hörte Josefine, wie Johannes den Besucher anraunzte: „Genau! Meine Familie. Und in der ist Josefine der allergrößte und wertvollste Schatz. Sie ist mein Schatz und bleibt es auch. Also such du dir gefälligst einen anderen.“

Den Vergleich ihres Großvaters mit Gollum, der sich in diesem Augenblick bei ihr einnisten wollte, schob Josefine energisch beiseite. Johannes war ein ehrlicher, starker und bewundernswerter Mann, selbst jetzt noch, da er geschwächt im Bett lag. Er wollte sie beschützen. Vor dem Lümmel, der einst einen Schneeball gegen das falsche Fenster geworfen hatte?

Bei der Vorstellung, was Johannes – gekleidet in einen seiner karierten Flanellschlafanzüge – in den Garten hinuntergerufen haben könnte, um dem frechen Kerl Beine zu machen, kicherte Josefine vor sich hin.

Während sie zur nächstgelegenen Sitzecke eilte, musste sie sich eingestehen, dass sie einerseits über Fynn verärgert war, weil der offenbar vermutete, ihr Großvater könne über nützliche Informationen hinsichtlich einer seiner Schatzsuchen verfügen – was sie selbst für absoluten Blödsinn hielt! –, sie andererseits aber auch Dankbarkeit für seine Anwesenheit empfand. Vermutlich wäre ihr heutiger Besuch bei Johannes von nichts als Sorgen und düsteren Gedanken geprägt, wenn nicht dieser charmante Chaot mit dem zweifelhaften Ruf eines Schatzsuchers sie begleiten würde. Wobei das, was er sagte, stimmte: Die von ihm aufgespürten Raritäten waren Zeitzeugen vergangener Epochen. Es wäre schade, wenn sie für immer verschollen oder im Besitz einer einzelnen Familie bleiben würden, die behauptete, ein Anrecht darauf zu haben.

Bei einem kürzlich zu Ende gegangenen Gerichtsprozess ob einer solch privaten Inanspruchnahme hatte Fynns Team für jede Menge Aufsehen gesorgt. Letzten Endes waren die Gemälde, die während der 1930er-Jahre aus einem jüdischen Haushalt entwendet worden und in die Hände eines Nazis gelangt waren, zu ihrem rechtmäßigen Besitzer zurückgekehrt. Der wiederum hatte sie einem Museum zur Verfügung gestellt.

Das hieß aber noch lange nicht, dass Josefines Großvater von etwas Vergleichbarem wusste. Am besten wäre es wohl, Fynn einfach gewähren zu lassen. Dann würde er rasch zu dem Schluss kommen, dass Johannes nichts mit geraubten Familienerbstücken oder verschollenen Gemälden zu tun hatte. Genauso wenig wie mit antiken Steinkrügen und Münzen, ägyptischen Fayence-Arbeiten oder entwendeten Grabbeigaben irgendeines Pharaos, die einst unerlaubt Ägypten verlassen hatten.

Sobald ihr ehemaliger Schulkamerad akzeptierte, dass die Familien Kenkel und Korell noch nie einen historisch relevanten Gegenstand besessen hatten, würde er sicher wieder aus ihrem Leben verschwinden. Und sie könnte Fynn Gröner erneut aus ihrer Erinnerung löschen. Genauso, wie ihr das schon einmal gelungen war. Zumindest beinahe.

Zurück in Johannes’ Zimmer ließ sich Josefine neben Fynn nieder, achtete aber darauf, dass zwischen ihren Stühlen gut dreißig Zentimeter Platz blieben. Fynn war offensichtlich so schlau gewesen, die Drohung ihres Großvaters bezüglich der Enkelin ernst zu nehmen, denn die beiden Männer plauderten inzwischen entspannt über den VfB Stuttgart, wobei Johannes’ Stimme erneut ungewohnt leise und farblos klang. Seine Schwäche war ihm deutlich anzumerken.

Schließlich räusperte sich Fynn, und Josefine beugte sich gespannt nach vorn. Sie hatte keine Ahnung, welche Informationen sich der Schatzsucher von ihrem Großvater erhoffte. Allein der Gedanke, Johannes würde über ein geheimes Wissen verfügen, das sich Fynn unbedingt zu eigen machen wollte, erheiterte sie insgeheim.

Ihr Großvater hatte Medizin studiert und war bis zu seiner Pensionierung als Landarzt tätig gewesen. Im Krieg hatte er in einem Lazarett gearbeitet und sich dort für die verletzten und erkrankten Soldaten förmlich aufgerieben. Später hatte er dann ihre Großmutter Anne geheiratet. Wenn es bezüglich seiner Vergangenheit irgendetwas von Belang gäbe, wüsste Josefine davon. Denn Johannes war ein Meister darin, humorvolle oder aufregende Begebenheiten aus seinem Leben absolut fesselnd zum Besten zu geben. Dem war er mit Vergnügen nachgekommen, sodass sie bestimmt in alles eingeweiht war, was ihn jemals beschäftigt hatte.

„Sie waren bis 1945 in einem Lazarett in Kaliningrad stationiert“, begann Fynn sein Interview. Er hatte mit Johannes’ Einverständnis die Aufnahmefunktion seines Smartphones aktiviert.

Josefine verdrehte die Augen. So viel dazu, dass Fynn auch nur ansatzweise über ihren Großvater Bescheid wusste. Kaliningrad. Das war doch lächerlich!

„Das stimmt, wobei diese Perle von einer Stadt damals noch Königsberg hieß.“

Josefine riss die Augen auf. Johannes hatte in Kaliningrad gelebt? Das konnte doch unmöglich wahr sein!

Fynn nickte lächelnd, und Josefine beobachtete, wie sich seine Schultern lockerten, über die sich der Stoff seines dunkelblauen T-Shirts spannte. Er hatte sich von einem schlaksigen Jugendlichen zu einem breitschultrigen Mann entwickelt.

Offensichtlich erleichtert darüber, dass Johannes einen gesprächigen Eindruck machte, fuhr er sich durch das dunkelbraune Haar und fragte weiter: „Kannten Sie einen Mann namens Adolf Bardun?“

Ein Zischlaut vonseiten ihres Großvaters ließ Josefine hochschrecken. Sein ohnehin blasses Gesicht wurde noch eine Spur bleicher. Dann taxierte er Fynn mit einem Blick, der jeden anderen – außer diesen Abenteurer – wohl augenblicklich in die Flucht geschlagen hätte. Doch Fynn schien sich über Johannes’ Versuch, ihn mit den Augen zu erdolchen, vielmehr zu freuen. Ein wissendes Lächeln umspielte seine Lippen, und Josefine sah trotz des dunklen Dreitagebarts, wie sich die Kerbe in seinem Kinn vertiefte.

„Ja, ich kannte Bardun. Aber auf diese Bekanntschaft hätte ich gut und gerne verzichten können.“ Johannes’ Stimme klang so kalt, dass sie Josefine eine Gänsehaut über die Arme schickte. Die Stimmung im Raum drohte zu kippen. War sie zuvor mit einer ordentlichen Prise Humor gewürzt gewesen, dem sich nur ein klein wenig Misstrauen beigemengt hatte, so lud sie sich nun auf und ballte sich zu einer dunklen Gewitterwolke.


Zur Gutschein-Aktion geht es hier.


7. Dezember

Noch reicht die Zeit, um ein signiertes Buch zu bestellen, damit es rechtzeitig vor Weihnachten ankommt. Fragt auch gern nach einem offiziell bereits vergriffenen Roman - manchmal habe ich noch Exemplare hier.
Wie ihr bestellen könnt, lest ihr HIER.

Und natürlich gibt es auch in diesem Jahr wieder die WeihnachtsGeschenkGutscheinAktion für den im Text-Adventskalender vorgestellten Roman DIE ERBIN DES BERNSTEINZIMMERS.

Und schon öffnet sich das 7. Türchen:

„Das tut mir leid.“ Mehr sagte er nicht. Nicht einen Ton darüber, dass sie sich keine Sorgen um ihn zu machen brauche. Nichts davon, dass er sich schon wieder aufrappeln würde. Er war nicht der Typ, der die Dinge verharmloste oder seine Enkelin anlog, und sei es nur, um sie zu beruhigen. Und genau das liebte sie an ihm.

„Hast du dir endlich einen Kerl geangelt?“ Mit diesen Worten blickte Johannes an Josefine vorbei in Richtung Tür, wo Fynn im Rahmen lehnte. Als sei dies sein Stichwort, stieß er sich ab und trat neben Josefine ans Pflegebett.

„Ganz sicher nicht. Ich habe ihn vor der Eingangstür aufgegabelt. Erinnerst du dich an –“

„... diesen Hallodri, der einem stets weismachen will, dass oben links ist und unten rechts? Den Lümmel, der mitten in der Nacht einen Schneeball an dein Fenster werfen wollte und stattdessen meins traf?“

Josefine zuckte zurück und bedachte Fynn mit einem irritierten Seitenblick. Die Vorstellung, dass er sie des Nachts aus dem Bett hatte holen wollen, verwirrte sie und brachte ihre Gefühlswelt mächtig durcheinander.

„Ich hoffe, du hast ihm damals ordentlich die Meinung gegeigt“, sagte sie und klang dabei wesentlich aufgebrachter, als sie es war. Je länger sie sich die Situation vorstellte, umso lustiger fand sie sie.

„Darauf kannst du wetten! Ich denke, ab der Nacht hat er keinen Versuch mehr gestartet, sich dir zu nähern.“ Johannes’ Blick nagelte seinen männlichen Besucher förmlich fest, sodass der verlegen die Lippen zusammenpresste.

„Wann war das noch gleich?“, hakte Josefine nach, um Fynn zu ärgern. Er hatte nie Interesse an ihr gezeigt, aber das brauchte sie ihrem Großvater ja nicht zu verraten. Dessen Bärbeißigkeit Fynn gegenüber gefiel ihr. Ebenso wie der Glanz in Johannes’ Augen, die jetzt deutlich lebendiger wirkten als noch vor wenigen Augenblicken. Vielleicht tat ihm die Konfrontation mit dem Lümmel von damals gut.

„Nicht so wichtig“, murmelte Fynn, was Josefine zum Lachen brachte. Er schien auffällig darum bemüht zu sein, das Thema nicht unnötig breitzutreten.

Johannes runzelte die Stirn, wobei sich seine Augenbrauen missbilligend zusammenzogen, gleich darauf bedachte er Josefine mit einem Zwinkern. Sie spürte, wie sich die Sorgenwolken allmählich lichteten. Zwar ließen sie immer noch keinen heiteren Sonnenschein in ihr Herz fallen, doch das Gefühl drohenden Schmerzes begann sich zu verflüchtigen.

„Wäre es möglich, dass ich Ihnen ein paar Fragen stelle, Herr Korell?“, erkundigte sich Fynn höflich. „Wie Sie vielleicht wissen, habe ich Geschichte studiert und interessiere mich für die genauen Hintergründe zu Ereignissen einzelner Epochen, die –“

„Du bist ein Schatzsucher! Oder denkst du, ich lese keine Zeitung?“

Nun verspürte Josefine ein klein wenig Mitleid mit Fynn. Johannes schien seinem Überraschungsgast gegenüber gehörig auf Krawall gebürstet zu sein; etwas, was sie bei ihrem Großvater nur selten einmal erlebt hatte.

„Die Artefakte, die mein Team und ich in den letzten Jahren gefunden haben, haben wir stets den jeweiligen Museen zukommen lassen. Für uns ist es wichtig, dass kulturelle Wertgegenstände aus vergangenen Epochen der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden. Wir dürfen aus ihnen lernen, wie die Menschheit einst gelebt und gedacht hat. Wir –“

Wieder fiel Johannes ihm ins Wort, etwas, wofür er Josefine früher immer gemaßregelt hatte. „Das hast du schön auswendig gelernt, Lümmel! Aber jetzt holt euch endlich Stühle, damit ich nicht länger den Eindruck habe, dass ihr in ein Aquarium schaut. Wobei ich einen bezaubernd schillernden Goldfisch abgebe, das ist mal sicher!“

Ich finde, du wirkst eher wie ein Hai.Josefine lachte leise vor sich hin, während sie das einzige Sitzmöbel im Raum unter dem kleinen Tisch hervorzog und es Fynn hinschob.

„Nimm du ihn“, winkte Fynn ab, „ich besorge mir einen anderen Stuhl.“

„He, sollte dem Lümmel tatsächlich noch jemand Manieren beigebracht haben?“, stichelte Johannes prompt, was Josefine erneut auflachen ließ. Dennoch widersprach sie: „Setz dich. Ich kenne mich hier besser aus als du.“

Fynn öffnete den Mund, um zu protestieren, doch Johannes war schneller. „Sie ist kein schwaches Mädchen, das betüddelt werden muss. Die gab es in unserer Familie nie!“

„Das glaube ich gern“, murmelte Fynn und setzte sich.

6. Dezember

Josefine

Fynns unvermutetes Auftauchen hatte Josefines ohnehin in Aufruhr versetzte Welt noch mehr durcheinandergeworfen. So sehr, dass sie tatsächlich zugestimmt hatte, ihn zu Johannes mitzunehmen.

Erst als Fynn ihr über den langen Flur folgte und gemeinsam mit ihr an den geschlossenen Zimmertüren vorbeiging, fragte sie sich, weshalb sie ihm das eigentlich gestattete. Lag es an ihrer Furcht davor, in welcher Verfassung sie ihren Großvater antreffen würde? Dass sie ihm womöglich ansehen könnte, dass die letzten Tage, womöglich sogar die letzten Stunden seines irdischen Daseins eingeläutet waren? Oder entstammte ihre Erleichterung über Fynns Begleitung vielmehr der Sorge, am Ende vollkommen allein zurückzubleiben?

Fynns Anwesenheit verwirrte sie. Sie konnte mit diesem Gemenge aus Überraschung, Freude und Zuneigung – und dem damit einhergehenden Misstrauen ihm gegenüber – einfach nicht umgehen. Entsprechend zögerlich blieb sie vor Johannes’ Zimmertür stehen.

Ihr Großvater würde im Bett liegen, da er seit zwei Tagen zu schwach war, um sich im Rollstuhl aufrecht zu halten. Diese Schwäche raubte ihm noch mehr von seiner Freiheit. Der Gedanke verstärkte ihre Angst um ihn und jagte einen kalten Schauer durch sie hindurch.

Als hätte Fynn dies bemerkt, legte er beschützend eine Hand in ihren Rücken. Das Gefühlspotpourri, das daraufhin wie ein Wirbelsturm durch ihr Inneres fegte, war zu viel für sie. Josefine drehte sich ruckartig zu Fynn um und zwang ihn somit, seine Hand wegzunehmen und sogar einen Schritt zurückzuweichen.

„Kannst du dich einem älteren Herrn gegenüber überhaupt angemessen benehmen?“ Sie wusste, dass die Frage zutiefst unhöflich klingen musste, aber ihr Kopf wollte einfach nicht akzeptieren, dass Fynn Gröner wieder in ihr Leben getreten war. Ihr Herz fand das offenbar noch wesentlich verwirrender, wie es durch heftiges Klopfen verriet. Es fühlte sich so an, als stolperte es über sich selbst.

Eine Zeit lang hatte Josefine Fynn erfolgreich vergessen können. Den Nachbarsjungen, der früher mit jedem Mädchen geflirtet hatte, sodass Josefine ihn als uninteressant hatte abtun wollen, was ihr allerdings nicht wirklich gelungen war. Bis er endlich aus ihrem Leben verschwunden war.

„Ich bin der geborene Charmeur, das weißt du doch.“

„Fynn, ich habe dich zuletzt vor zehn Jahren gesehen. Damals warst du ein frecher Kerl und hast mir den Eindruck vermittelt, nicht aus der Pubertät herausgekommen zu sein.“ Und du warst unglaublich einfühlsam, hilfsbereit, humorvoll und zielstrebig ...

Er sah sie bittend an, aus Augen, deren Farbe sie nach wie vor nicht klar definieren konnte. Es fanden sich darin sowohl blaue als auch grüne Sprenkel, die je nach Lichteinfall gelegentlich sogar ins Graue changierten. In dieser undefinierbaren Augenfarbe spiegelte sich auch Fynns Charakter wider: undurchschaubar, mal leichtlebig und dennoch willensstark; schlicht nicht greifbar.

„Ich werde höflich sein, Jo. Und wenn du meinst, dass ich gehen soll, gibst du mir ein Zeichen, und ich verlasse augenblicklich das Zimmer.“

„Es geht ihm nicht gut.“ Dies auszusprechen machte den drohenden Verlust des geliebten Großvaters für Josefine erschreckend real.

„Das habe ich schon gehört“, erwiderte Fynn ungewöhnlich sanft.

Josefine runzelte dennoch die Stirn. Hatte ihn tatsächlich jemand über den Gesundheitszustand ihres Großvaters informiert?

„Ich habe zu Hause erzählt, dass ich deinen Großvater etwas fragen muss. Meine Mutter ist Mitglied der hiesigen Hospizgruppe, und sie weiß ja, dass Johannes der einzige Verwandte ist, den du noch hast. Sagen wir mal so: Sie hat ihrer Besorgnis Ausdruck verliehen und meinte, es sei an der Zeit, nach dir zu sehen. Ich musste dann nur noch eins und eins zusammenzählen, und wie du weißt, war ich in Mathe schon immer ein Genie.“

Josefine nickte zögerlich. Für eine sarkastische Entgegnung wegen seines übersteigerten Selbstbewusstseins fehlte ihr die Energie. Und außerdem: Hatte er vorhin nicht gesagt, er wolle zu Johannes? Warum ging es jetzt plötzlich um sie?

Josefine kannte Fynns Mutter Sylvia seit Kindheitstagen. Sie war eine jener mütterlich-warmherzigen Frauen, die leider auszusterben drohten; eine Mutter, die sechs Kinder konsequent und mit viel Liebe zu wertvollen Mitgliedern der Gesellschaft erzogen hatte. Nur Fynn schien aus der Reihe zu tanzen, obwohl er keineswegs ein schlechter Kerl war. Eher rastlos, extrem abenteuerlustig und gelegentlich ein bisschen respektlos.

Nein, Josefine konnte Sylvia nicht böse sein, dass sie ihren Sohn über Johannes’ kritischen Gesundheitszustand informiert hatte. Immerhin hatte Sylvia damit auch ihre Sorge um Josefines Wohlergehen zum Ausdruck gebracht.

Als könnte Fynn ihre Gedanken lesen, sagte er: „Sie ist eine Mutter. Für sie bleibt ein Kind immer ein Kind, egal wie alt es ist.“

Darauf hoffend, dass er ihr den in ihrem Inneren leise vor sich hin gärenden Schmerz nicht ansehen konnte, nickte Josefine Fynn zu. Mütterliche Zuneigung und den liebevoll-weisen Ratschlag einer weiblichen Bezugsperson vermisste sie seit vielen, vielen Jahren. Es war ein ungewohntes, aber durchaus angenehmes Gefühl, zu wissen, dass sich wenigstens die Mutter eines anderen um sie sorgte. Dies fühlte sich so an, als lege jemand eine warme, weiche Decke um sie, in der sie sich bergen konnte.

Josefine richtete sich auf, klopfte kräftig an das Türblatt und trat dann ein. Da aufgrund des trüben Wetters nur wenig Licht in Johannes’ Zimmer drang, lag dieses in einem beklemmend anmutenden Dämmerlicht. Die Gesichtsfarbe ihres Großvaters hatte eine ähnliche Nuance angenommen wie die Sturmwolken draußen am Himmel, was Josefine erschrocken nach Luft schnappen ließ. Es war nicht zu übersehen, dass es ihm sehr schlecht ging. Seine Augen unter den buschigen grauen Augenbrauen lagen in tiefen Höhlen. Er war unrasiert, vermutlich weil das Pflegepersonal ihn in seinem Zustand nicht mit Alltagsdingen plagen wollte, die er selbst als eher unwichtig erachtete.

Kälte ergriff Besitz von ihr und brachte Josefines Beine zum Zittern. Langsam, weil sie das Gefühl überkam, lieber vor der Realität fliehen zu wollen, trat sie an das funktionale Pflegebett. Sie legte eine Hand auf die Metallstange des Kopfteils, beugte sich vor und drückte ihrem Großvater einen Kuss auf die Stirn. Diese fühlte sich angenehm warm an, und seine Haut roch so vertraut. Nach Olivenseife, seinem Aftershave und der ihm eigenen, leicht herben Note.

„Opa?“

Johannes schlug sofort die Augen auf, sah Josefine an und lächelte, wobei sein linker Mundwinkel ein wenig höher wanderte als der rechte. Das war schon immer so gewesen, und in diesem Moment empfand Josefine die Eigenheit ihres Großvaters als besonders tröstend.

„Haben sie dir Angst eingejagt?“, fragte er mit leiser Stimme, die so brüchig war wie ein Stück uraltes Pergament.

„Ein wenig“, gab Josefine zu. Sie hatte ihm nie etwas vormachen können, also würde sie heute nicht damit anfangen.

Soweit für heute. Wer sich noch ein signiertes Exemplar "vorab" sicher möchte, darf gern HIER vorbeischauen.


05. Dezember

Du suchst noch ein Weihnachtsgeschenk für einen lieben Menschen? Wie wäre es mit einem persönlich signierten Roman? Ich habe auch bereits im Handel vergriffene Bücher noch vorrätig. Frag einfach nach.

Oder verschenke einen hübschen Gutschein - den Du von mir zugemailt bekommst - von DIE ERBIN DES BERNSTEINZIMMERS.
Wie das alles geht, findest Du HIER und HIER.

Du willst immer wissen, was gerade in der Schreibstube passiert? Mehr über neue Projekte erfahren, als erstes die Cover sehen, integriert werden in so manchen Schreib/Rechercheprozess? Dann melde Dich zu meinem "Neues aus der Schreibstube"-Rundbrief an. Wie das geht, erfährst du HIER.

Dann öffnen wir mal das 5. Türchen des Text-Adventskalenders:



Fynn wollte Josefine gern in den Arm nehmen, wie man das eben so machte, wenn man alte Bekannte traf. Doch ihre vor der Brust verschränkten Arme erinnerten ihn rechtzeitig daran, dass sie das noch nie hatte leiden können. Sie war das einzige Mädchen aus seinem Jahrgang, das er nie umarmt hatte. Nicht einmal bei der Verabschiedung nach dem Abiball. Dabei war sie die Einzige gewesen, die er wirklich in seinen Armen hatte halten wollen.

Zu seiner eigenen Verwirrung hatte sich daran bis heute nichts geändert. So zumindest signalisierte es ihm sein heftig klopfendes Herz. Gleichzeitig wurde ihm bewusst, dass Josefine mit ihrer herausfordernden Bemerkung nicht ganz falschlag. Er war offenbar nie erwachsen geworden, wenn er immer noch jener jugendlichen Schwärmerei nachhing. Immerhin wusste er nicht, was Josefine in den vergangenen Jahren getan und erlebt, in welche Richtung sie sich entwickelt hatte.

Und ja – er konnte ein Grinsen nicht unterdrücken –, es gab tatsächlich etliche Zeitgenossen, die behaupteten, er würde wohl nie erwachsen werden.

„Gibt es einen Grund, weshalb du hier bist, oder genießt du nur die Aussicht?“, fragte Josefine gegen das laute Brausen der Blätter und eine weitere kräftige Windbö an.

„Es gibt sogar einen sehr guten Grund.“ Ich musste dich einfach sehen!

„Da bin ich aber beruhigt. Ich hatte schon befürchtet, dass du in diesen Gemäuern ein geheimes Zimmer mit einem Schatz vermutest.“

Fynn öffnete den Mund und schloss ihn sofort wieder – wie ein Fisch auf dem Trockenen. Demnach hatte Josefine von seinen Schatzsucher-Aktivitäten gehört und über seine Erfolge und Eskapaden in der Zeitung gelesen. Prompt fragte er sich, ob das seinem Vorhaben nun zuträglich oder eher hinderlich war.

„Ich gehe jetzt mal meinen Opa besuchen. Sobald du deine Sprache wiedergefunden hast, kannst du mir ja erzählen, was du hier tust.“ Sie zuckte mit den Schultern. Versuchte sie so zu demonstrieren, dass es sie nicht interessierte, weshalb er hier war?

Zielstrebig wollte Josefine an ihm vorbei- und auf die Pforte zugehen, doch Fynn ergriff sie rasch am Unterarm. Der dünne Stoff ihres Shirts, dessen Schnitt und Farbe vermuten ließen, dass es – ebenso wie der wild um ihre Beine flatternde Rock – aus dem Ökoladen stammte, ließ die Wärme ihrer Haut durch. Der Ausdruck in ihren Augen kühlte das angenehme Gefühl, das ihn durchströmte, jedoch sofort wieder auf Normaltemperatur herunter. Schnell, wenn auch widerwillig zog er die Hand zurück.

„Ich wollte dich fragen, ob du mich deinem Großvater vorstellen kannst.“

„Du hast ihn doch schon oft getroffen.“

„Das weiß ich. Doch ich vermute, dass er sich nicht mehr an mich erinnert.“

„Er ist alt, aber nicht –“

„Ich dachte nur, weil es ja schon viele Jahre her ist, dass wir uns zuletzt begegnet sind.“

Ihrer Andeutung, die er jäh unterbrochen hatte, entnahm Fynn, dass Josefines Großvater geistig noch vollkommen fit war. Das freute ihn, schließlich wollte er mit Johannes Korell über dessen Vergangenheit sprechen.

Josefine sah ihn prüfend an, dann huschte ein Grinsen über ihr Gesicht, das ihn eigentlich hätte warnen sollen. Davor, dass Johannes ein überaus kluger Kopf war; einer, der nicht so schnell vergaß ...

Ich wünsche euch einen WUNDERbaren 2. Advent. Hier versinkt die Welt in eisweiß geschmückten Bäumen und so dichtem Nebel, dass ich weder die Berge noch den See sehen kann. Deshalb nehme ich euch gleich mit in eine etwas wärmere Jahreszeit ... Josefine will also gerade zu ihrem Großvater Johannes ...

4. Dezember

Fynn
Josefine eilte mit raumgreifenden Schritten genau in seine Richtung. Sie trug das blonde Haar viel kürzer als früher, doch der freche Bob
stand ihr ausgezeichnet. Die Fransen betonten ihr rundes Gesicht, das aufgrund der großen braunen Augen und des spitzen Kinns immer noch etwas Kindliches hatte, obwohl Josefine inzwischen Ende zwanzig war.
Sie beide hatten einst in der derselben Straße gewohnt und zusammen den Kindergarten und die Schule besucht. Erst nach dem Abitur
waren sie getrennte Wege gegangen.
Bis zu ihrem elften Lebensjahr war Josefine von einigen Klassenkameraden als »dicke Nudel« belächelt worden. Doch dann war sie
in die Höhe geschossen, um schließlich alle anderen Mädchen und sogar einige der Jungs in ihrer Klasse zu überragen. Heute hatte sie
eine athletische Figur und sah damit deutlich gesünder aus als jene Hungerhaken, die Fynn zuletzt auf einem Klassentreffen gesehen
hatte, bei dem Josefine, sehr zu seinem Bedauern, nicht zugegen gewesen war.
»Josefine Kenkel«, sprach er sie an, da er befürchtete, sie könnte durch die Eingangstür eilen, ohne ihn überhaupt bemerkt zu haben.
Sie richtete den Blick auf ihn, und sofort war es wieder um ihn geschehen.
Ihre ausdrucksstarken dunklen Augen, deren Farbe ihn an geschmolzene Schokolade erinnerte, hatten Fynn in ihrem letzten gemeinsamen Schuljahr stets in ihren Bann gezogen. Nach all der Zeit, die sie sich bereits gekannt hatten, hatte er sich damals tatsächlich in Josefine verliebt, was schmerzlich gewesen war. Immerhin hatte sie keinerlei Interesse an ihm gezeigt.
»Fynn? Fynn Gröner?«
Der fragende Tonfall, mit dem Josefine seinen Namen sagte, fühlte sich an, als habe ihm jemand ein Messer ins Herz gebohrt. Hatte sie ihn in den lächerlichen zehn Jahren, seit sich ihre Wege getrennt hatten, schon vergessen? Theatralisch griff er sich mit beiden Händen an die Brust und stieß hervor: »Bitte sag mir, dass du mich wiedererkennst! Du hast mich ganz bestimmt nicht einfach aus deinem Gedächtnis gestrichen.«
»Ich wollte eigentlich sagen, dass du erwachsen geworden bist. Doch das revidiere ich auf der Stelle. Du wirkst zwar reifer als damals auf dem Abiball, allerdings scheint es, als sei es bei einer rein körperlichen Entwicklung geblieben.« »Autsch!« Fynn lachte über ihren verbalen Seitenhieb. Das war die Josefine, die er kannte, in die er sich verliebt hatte und die es immer
noch verstand, ihn mit einem einzigen Blick aus ihren Schokoladenaugen aus der Bahn zu werfen. Ihr war schon immer anzumerken gewesen, dass sie viele Jahre lang in einem reinen Männerhaushalt gelebt hatte. Sie teilte derlei Hiebe aus, steckte sie aber auch problemlos ein.
Till, einer von Fynns älteren Brüdern, hatte das deutlich zu spüren bekommen, als er ihr in leicht angetrunkenem Zustand an den Po gefasst
hatte. Er konnte von Glück sagen, dass er damals mit einer Standpauke davongekommen war …

Hier gehts zur Gutschein-Aktion!

Hier könnt ihr - noch rechtzeitig zu Weihnachten - andere Romane aus meiner Feder signiert bestellen.


3. Dezember

Eins
April 2018 – Staigacker bei Backnang
Josefine

Als das Motorengeräusch des grünen Citroën Cactus erstarb, erwachte Josefines Angst. Sie lehnte sich im Sitz zurück und stieß den Atem aus.
Alles in ihr sträubte sich gegen das, was ihr nun bevorstand. Durch die Bäume hindurch, die den Parkplatz umgaben, konnte sie nur Teile der
Fassade des Pflegeheims sehen, in dem sie ihren Großvater wusste; als wollten sie verhindern, dass sie schon jetzt die Wahrheit erkannte.
Graue Wolken stürmten über das Gebäude hinweg. Ob sie alles mit sich rissen, was sich ihnen in den Weg stellte? Oder nahmen sie die
Seelen derer auf, die ihr Leben gelebt, die genug gelacht und gelitten hatten? So wie Josefines Großvater Johannes?
Nein, sie wollte ihn nicht ziehen lassen. Ihr war es völlig egal, dass das Pflegepersonal gern beteuerte, mit seinen 98 Jahren habe er ein
wirklich außergewöhnlich langes Leben geführt. Natürlich hatten sie damit recht, aber Johannes war nun mal Josefines einziges verbliebenes
Familienmitglied. Ohne ihn war sie vollkommen allein in dieser Welt.
Ihre Eltern hatten bereits damit abgeschlossen gehabt, eigene Kinder zu bekommen, als sich bei ihnen doch noch Nachwuchs angekündigt
hatte. Ihr Vater war von Beruf Gärtner gewesen und hatte Josefine gern »meine kleine Nachtkerze« genannt, weil diese zart duftende Pflanze eine große Überraschung für den Betrachter bereithält: Bei Anbruch
der Dämmerung öffnen sich die gelben Blüten mit einem hörbaren »Plopp«. Josefine sei, so hatte er stets beteuert, eine ebensolche Überraschung für ihn und seine Frau gewesen.

Drei Tage nach seiner Beerdigung war Josefine volljährig geworden, und Johannes hatte damals schon im Alten- und Pflegeheim Staigacker gelebt. Heute nun hatte sie einen Anruf der Pflegedienstleitung erhalten,
dass es ihrem Großvater zusehends schlechter gehe und sie mit dem Schlimmsten rechnen müsse …
Josefine zitterte, als sie ihren Rucksack ergriff , den sie jeder Handtasche vorzog. Noch heftiger bebte ihre linke Hand, mit der sie nach dem
Türgriff tastete. Ihr Verstand sagte ihr in einem fort, dass Johannes ein alter Mann war, lebenssatt und müde, und dass sie ihn gehen lassen musste. Ihr gepeinigtes Herz schrie jedoch vehement dagegen an. Vermutlich,
so befürchtete sie, wird wieder einmal das Herz als Verlierer aus dem Duell hervorgehen.
Nachdem sie den Wagen abgeschlossen hatte, ging sie über den Parkplatz, auf dem zu dieser Abendstunde nur noch wenige Autos
standen. Tief in Gedanken versunken, den Blick auf die dahinjagenden Wolken gerichtet und umgeben von den im kräft igen Wind rauschenden Bäumen, näherte sie sich dem Haupteingang des massiven Gebäudes
mit den drei nach hinten versetzten Gebäudefl ügeln und dem Türmchen, das keck über dem Mittelteil thronte.
Womöglich wäre alles anders gekommen, hätte Josefine nicht den Wolken nachgeschaut, in der Hoffnung, dass sie ihren Kummer und
ihre Angst mit sich davontrugen. Denn dann hätte sie ihn früher gesehen. Noch bevor er sie entdecken konnte.

Vielleicht wäre sie spontan genug gewesen, sich einfach umzudrehen und entweder einen anderen Eingang zu benutzen oder eiligst das Weite zu suchen und erst später nach ihrem Großvater zu sehen …


Soweit heute. Ich liebe es ja, derlei "Vorausblicke" zu schreiben. Leider landen sie nur selten im Buch, da viele Lektorinnen die Bedenken haben, dass sie zu sehr aus der Erzählperspektive fallen. Ich bin da großzügiger, was auch einen kleinen "Mix" anbelangt. Zudem bin ich mir sicher, dass sich die wenigsten Leser daran stören - zumal hier ja Spannung hervorgekitzelt wird. Und die halte ich in einem Roman für wichtiger, als das getreue Einhalten einer Perspektive. Das Thema führt gelegentlich zu Diskussionen mit den Lektorinnen - die ich für ihre Arbeit jedoch sehr schätze. Hier ist es mir gelungen, den Ausblick auf das Kommende sehr harmonisch einzufügen - also durfte er bleiben!

Im Prolog habt ihr ja "Olga" kennengelernt. Königin Olga von Württemberg gründete im Jahr  1864 die Stiftung, zu der auch das Alten- und Pflegeheim Staigacker gehört. Deshalb bot es sich für mich natürlich an, Johannes, Josephines Großvater, in jenem Heim unterzubringen. Zudem - und hier schließt sich der Kreis - war mein Schwiegervater einige Jahre lang genau dort Heimleiter. Mein Mann ist "auf dem Staigacker" aufgewachsen. Wie ihr vielleicht wisst, bin ich Examinierte Altenpflegerin. Zur Ausbildung hatte ich mich auch auf dem Staigacker beworben, allerdings war ich dann in "Bethanien" in Stuttgart-Möhringen, da dort damals schon das duale Ausbildungssystem praktiziert wurde.

Ich weise nochmals auf die Gutschein-Aktion hin und die Möglichkeit, signierte Bücher als Weihnachtsgeschenke zu bestellen. Den Weg dorthin findet ihr, wenn ihr auf die entsprechenden Worte klickt. Ich wünsche euch einen schönen Tag und morgen einen ruhigen, besinnlichen 2. Advent.

2. Dezember

Das Mädchen lachte glockenhell auf und redete einfach weiter. Das kannte er so nicht von ihr; immerhin beobachtete er sie und ihre Geschwister häufig, wobei sie stets in sich gekehrt, ja schüchtern wirkte. Olga war die Stille, die Sanftmütige, diejenige, über die viele Bedienstete sagten, für die Verheiratung in ein anderes Herrscherhaus habe sie entschieden zu wenig Selbstbewusstsein, Eleganz und Schönheit mit auf den Weg bekommen.

Wilhelm hingegen fand sie einfach wunderbar! Allerdings würde er wirklich gern wissen, was sie ihm da gerade erzählte, denn ihr Wortschwall ging weit über ein einfaches Dankeschön für die Rettung ihres Hundes hinaus.

„Ich kann Sie leider nicht verstehen“, wagte er sie zu unterbrechen und bediente sich dabei der russischen Sprache. Seine Stimme klang seltsam rau.

Olga verstummte und neigte leicht den Kopf. Nun war es an ihr, die Schultern hochzuziehen.

Wilhelm geriet ins Schwitzen. War sein Russisch denn so schlecht? Er war in St. Petersburg geboren worden und zur Schule gegangen. Zu Hause hatten sie sich zwar immer auf Deutsch unterhalten, aber für den Unterricht hatte er sich die Landessprache aneignen müssen.

Olga stemmte ihre gepflegten blassen Hände in die pummelige Taille, wo eine schmale grüne Schärpe saß, und gab betont langsam einige französische Worte von sich. Jetzt erst wurde Wilhelm bewusst, dass die Zarewna seine Worte ebenso wenig verstanden hatte wie er ihren Redeschwall auf Französisch.

Irritiert trat er einen Schritt zurück. War das tatsächlich möglich? Konnte die erste Familie des Landes das russische Volk führen, ohne dessen Sprache zu sprechen? Damit erklärte sich ihm zumindest ansatzweise die Unzufriedenheit vieler Russen, die sich in gelegentlichen Gewaltakten gegen den Zarenhof entlud. Natürlich fühlten sie sich nicht ernst genommen, nicht gehört, nicht ... verstanden.

Sein Vater hatte Wilhelm vor einigen Jahren dabei erwischt, wie er Olga und ihre beiden Schwestern beobachtet hatte. Die Mädchen waren bei der Grotte am Großen Teich spazieren gegangen, und Wilhelm hatte versucht, ihnen unauffällig zu folgen. Der Koch hatte ihm eine Hand auf die Schulter gelegt und von einem goldenen Käfig gesprochen, von Menschen, die trotz Macht und Reichtum unfrei waren.

Damals hatte Wilhelm nicht begriffen, was sein Vater ihm damit sagen wollte – außer dass er sich nicht von der Zarenfamilie erwischen lassen durfte und dass die Mädchen tabu für ihn waren. Als Zehnjähriger hatte er darüber nur die Augen verdreht, heute war diese Tatsache jedoch ein Teil dessen, was ihn in seiner Freiheit beschnitt.

Doch der Rahmen, in dem Olga sich bewegen konnte, war offenbar noch deutlich enger als sein eigener. Dies begriff Wilhelm in dem Augenblick, als ihm bewusst wurde, dass Olga nicht einmal die eigene Landessprache beherrschte. Sie verstand weder die Bäckersfrau oder den alten Buchhändler in Zarskoje Selo noch das Marktweib, das in St. Petersburg Obst feilbot. Und niemand dort draußen verstand sie. Außerhalb des schützenden Kokons der gewaltigen Palastmauern, in denen die Zarenfamilie residierte, war Olga verloren. Wie ein kleines Boot auf dem Meer, das von den Wellen nicht getragen, sondern vielmehr verschlungen wird.

Wilhelm hatte zwar nicht die Freiheit, Olga zu umwerben, aber er war frei, sie zu bewundern und auf sie Acht zu geben, wenn sie durch den Park spazierte. Frei, ihr zu wünschen, dass sie lieben, leben und glücklich sein durfte.

„Du kommst mit? Bitte!“ Ein paar Brocken Deutsch hatte Olga bei ihrer Mutter wohl doch aufgeschnappt. Wilhelm atmete erleichtert auf, sah sich dann aber voller Unbehagen um. Er stand schon viel zu lange hier allein mit der jugendlichen Großfürstin. Zudem war seine Pause zu Ende. Sein Vater würde toben, schließlich war es nicht das erste Mal in dieser Woche, dass er zu spät in die riesige, überhitzte und von unangenehmen Gerüchen vollgesogene Küche zurückkehrte.

Olga bedeutete ihm, ihr zu folgen, also tat er es. Ebenso treu und ergeben wie ihr kleiner Hund. Zwar zuckte Wilhelm unangenehm berührt zusammen, als sie die Galatreppe betraten, doch er folgte ihr weiter in einem respektvollen Abstand. Sie war die Großfürstin, und er musste gehorchen, wenn sie ihn anwies, sie zu begleiten.

Seine Augen fingen staunend ein, was sein Verstand kaum zu erfassen vermochte. Vor ihm erstreckte sich eine Flucht von Gemächern, deren Anzahl er nur erahnen konnte. Mächtige Türdurchlässe, deren Rahmen mit goldenen Ornamenten geschmückt waren, nahmen ihn auf und entließen ihn wieder. Die verschlungenen Muster auf dem mehrfarbigen Parkettboden brachten seine Schritte aus dem Takt, da Wilhelm befürchtete, versehentlich eine Stelle zu betreten, die noch nie zuvor von einem Schuh berührt worden war. Jedenfalls glänzten die Böden, als würden sie im Stundentakt gebohnert. Gemälde in goldenen Rahmen, samtene Polsterstühle mit vergoldeten Beinen und Armlehnen, Stuck, Statuen, Uhren, Vasen … Glanz, Erhabenheit, Schönheit ... all das rauschte an ihm vorbei, wie Wellen an den Strand rollen und sich zurückziehen, herbeirollen, davonlaufen ... Es waren zu viele Eindrücke, um sie in Gänze wahrzunehmen, jedoch zu bedeutende, um sie zu übersehen.

Als Olga sich zu ihm umwandte, schloss Wilhelm schnell den Mund. Mit dem Zeigefinger auf den Lippen bedeutete sie ihm, dass er leise sein sollte. Allerdings hätte er ohnehin keinen Laut hervorbringen können, denn dazu war er gar nicht in der Verfassung. Sein Herz raste, wilder noch als vorhin, da die Zähne des großen Hundes seinem Arm so erschreckend nahe gewesen waren.

Olga huschte durch eine riesige weiße Flügeltür und betrat den nächsten Raum. Wilhelm folgte ihr. Geblendet kniff er die Augen zusammen, und vor lauter Staunen stand ihm schon wieder der Mund offen.

Durch die oben abgerundeten, bodentiefen Fenster fiel das Sonnenlicht auf Abertausende Bernsteine von unterschiedlicher Größe, Farbe und Schliffart. Diese warfen das Strahlen der Sonne nicht nur zurück, sondern verstärkten es. Wilhelm riss die Augen auf und fühlte sich wie einer jener Blinden, die Jesus damals geheilt hatte. Ich habe nie zuvor gesehen!

Langsam drehte er sich im Kreis. Er wagte es nicht, über das Muster auf dem Intarsienboden hinauszutreten, das seine Schuhe berührten. Zu sehr fürchtete er sich davor, dass sich ansonsten ein Loch auftun und ihn verschlingen könnte. Und das durfte nicht passieren, nicht bevor er dieses Wunderwerk der Bernsteinschnitzkunst ganz genau betrachtet hatte.

Er hatte soeben eine andere, ihm völlig fremde Welt betreten. Fasziniert und ehrfürchtig nahm Wilhelm die glimmende und schimmernde facettenreiche Pracht in sich auf und empfand pure Verzückung. Hatte Olga gewusst, dass er sich für Gestein und Mineralien aller Art interessierte? Er hätte gern studiert und die Welt bereist, um die verschiedenen Gesteinsschichten, ihre Entstehung, ihre Beschaffenheit zu erforschen. War nicht nur er heimlich von Olga angetan, sondern sie auch von ihm? Hatte sie ihn stets bemerkt, wenn er sich in ihrer Nähe herumdrückte? Sie musste sich nach ihm erkundigt haben. Woher sonst sollte sie wissen, welche Freude sie ihm damit bereitete, dass er diesen Raum betreten durfte; ihn nur ein einziges Mal in seinem Leben sehen!

Auch ohne mit Worten zu kommunizieren, stand völlig außer Frage, dass Olga ihm damit für die Rettung ihres Hundes dankte. Indem sie ihm einen Herzenswunsch erfüllte.

Olga trat näher und streckte die Hand aus, berührte Wilhelm aber nicht. So mutig war sie nicht. Aber sie lächelte ihn an. Mit dem Mund, mit den Augen, mit einem Strahlen, das von innen herauszukommen schien. Freute sie sich so sehr darüber, dass sie diesen Augenblick miterleben durfte? Verschenkte sie gern Freude und empfand Glück, wenn andere glücklich waren? Solche Menschen, hatte Wilhelms Mutter einmal zu ihm gesagt, sind die heimlichen Säulen der Erde.

„Fünf Minuten“, flüsterte Olga ihm in ihrem seltsam eingefärbten Deutsch zu, huschte dann zu einer anderen Tür, die ebenfalls vergoldete Rokokoelemente enthielt, und ließ ihn allein. Nun gab es nur noch ihn und das im Sonnenlicht golden strahlende Bernsteinzimmer.

So, damit haben wir das Ende des Prologs erreicht. Morgen tauchen wir dann in den Haupttext ein.
Hier noch einmal der Hinweis, dass ihr direkt bei mir signierte Bücher bestellen könnte - sie sind immer ein wertiges Geschenk!
Und natürlich könnt ihr "Die Erbin des Bernsteinzimmers" bereits beim Verlag GerthMedien vorbestellen. Oder bei mir - dann bekommt ihr das Buch signiert. Meine Tochter hat auch einen wunderschönen Gutschein kreiiert, den ihr zu Weihnachten verschenken könnt. Das Buch schicke ich dann sofort nach Erscheinen an die mir genannte Adresse.
Wie das geht, seht ihr hier: Gutschein-Aktion.

1. Dezember

Herzlich willkommen zum diesjährigen

Text-Adventskalender.

Auch in diesem Jahr findet ihr hier einige kleine Auszüge aus dem nächsten "großen" GerthMedien-Roman. Ich wünsche euch viel Vergnügen beim Reinschnuppern und WUNDERschöne Adventstage.

Für diejenigen, die "Bernstein" gern zu Weihnachten verschenken möchten - entweder einem lieben Menschen oder sich selbst - gibt es wieder die WeihnachtsGeschenkGutscheinAktion.

Die Bücher werden von mir gleich nach Erscheinen (März 2023) ganz persönlich signiert verschickt. Und vielleicht findet der eine oder andere Beschenkte ja auch ein paar Bernsteinsplitter im Päckchen ...

Als Josefine von ihrem ehemaligen Klassenkameraden Fynn aufgesucht wird, ist sie mehr als irritiert: Der junge Mann, der inzwischen ein großer Abenteurer und erfolgreicher Schatzsucher ist, versucht sie davon zu überzeugen, dass ihr im Sterben liegender Großvater wissen könnte, wo das sagenumwobene Bernsteinzimmer versteckt ist. Tatsächlich gibt der geschwächte Mann ihnen den Hinweis auf den Verbleib des von den Nationalsozialisten geraubten und seit 1945 verschollenen Bernsteinschatzes. Also begeben sich die beiden auf die nicht ungefährliche Suche nach diesem großen Mysterium ...

Eine auf zwei Zeitebenen spielende Geschichte über Vertrauen, Mut und den Glauben an die Freiheit eines jeden Menschen, das Richtige zu tun - egal, wie schwierig die Umstände auch sind.

Vorwort

Den Roman Die Erbin des Bernsteinzimmers habe ich bereits im Jahr 2019 geplant und zu schreiben begonnen. Durch allerhand Turbulenzen musste ich jedoch frühzeitig abbrechen, denn andere Manuskripte erhielten den Vorrang. Da ich das Thema weiterhin interessant fand, habe ich den Roman nun endlich zu Ende geschrieben – auch dank des Stipendiums NEUSTART KULTUR der VG WORT. Das Ergebnis halten Sie in den Händen.

Ich persönlich mag die warme Farbe von Bernstein, und vielleicht haben Sie ja auch das eine oder andere Bernsteinschmuckstück zu Hause. Was ich im Buch leider nicht mehr untergebracht habe, waren Details zur Bearbeitung des fossilen Harzes. Aber heutzutage ist es ja nicht schwer, sich selbst ein wenig darüber zu informieren.

Ein Hinweis noch von meiner Seite: Achten Sie beim Lesen bitte genau auf die Datumsangaben, vor allem bei den Abschnitten aus den 1940er-Jahren. Dort gibt es – der Dramaturgie geschuldet – nämlich mehrere Zeitsprünge, auch mal vor und zurück.

Auch in diesem Roman habe ich einige historische Personen in meinen Text verwoben. Einen Überblick über deren Lebensdaten finden Sie am Ende des Buches.

Während des Schreibens habe ich mich mit dem Thema „Freiheit“ beschäftigt und mir überlegt, ob diese wirklich immer grenzenlos ist. Bisher bin ich zu folgendem Ergebnis gekommen: Meine persönliche Freiheit endet genau dort, wo die meines Nächsten beginnt.

Vielleicht möchten Sie mir ja Ihre Gedanken zum Thema „Freiheit“ mitteilen. Zuerst jedoch wünsche ich Ihnen ein spannendes Leseerlebnis!


Prolog

1837 – Zarskoje Selo

Wilhelm

„Freiheit“ war nach Wilhelms Auffassung etwas, was innerhalb eines eng gesteckten Rahmens stattfand. Dabei war dem Fünfzehnjährigen bewusst, dass die Begrenzungen seines Lebens durchaus enger waren als noch vor fünf Jahren. Zugleich aber bedeutend weiter als jene, mit denen die meisten anderen Menschen im russischen Reich leben mussten. Für den Sohn eines deutschen Kochs, der von der Zariza Alexandra Fjodorowna höchstpersönlich nach St. Petersburg beordert worden war, war es nun mal vorgesehen, dass er in die Fußstapfen seines Vaters trat.

Also lernte Wilhelm, die exquisitesten Speisen zuzubereiten, sowohl in überschaubaren als auch in ausufernden Mengen. Man brachte ihm bei, die Beiköche und Küchengehilfen anzuleiten und sie gelegentlich auch zurechtzuweisen, damit er einst eine gesicherte Anstellung als erster Koch der Zarenfamilie einnehmen könnte. Dabei interessierte es niemanden, dass Wilhelm den Geruch von heißem Fett hasste. Und dass er stets dagegen ankämpfte, sich nicht zu übergeben, sobald ihm das in die Nase stieg, was sein Vater und die Zarenfamilie den „delikaten Duft eines perfekt zubereiteten Fischgerichts“ nannten.

Wahre Freiheit würde für Wilhelm bedeuten, nicht tagein, tagaus in der Küche stehen zu müssen, um den Anforderungen von Zar Nikolaus I. gerecht zu werden, vor allem aber denen seines Vaters. Wie gern würde er wieder zur Schule gehen. Schließlich gab es noch so viele wunderbare Geheimnisse zu ergründen, die ihm nun wohl für immer verschlossen bleiben würden.

Das laute Bellen eines Hundes, dem sich ein tiefes, grollendes Knurren entgegenstellte, ließ Wilhelm erschrocken den Kopf heben. Er hatte seine Pause dazu genutzt, sich im Lustgarten des Katharinenpalasts herumzudrücken. Versteckt hinter Schatten spendenden Bäumen und hohen Hecken war er gedankenverloren von einer Statue zur nächsten spaziert und hatte sich wieder einmal seinen unerfüllbaren Träumen hingegeben. Hatte Traumschlösser erbaut, die größer waren als jene, in denen die Zarenfamilie abwechselnd wohnte, und die täglich von der Realität eingerissen wurden.

Da er hier keinesfalls erwischt werden wollte, spickte Wilhelm vorsichtig an einer Strauchreihe vorbei. Was er sah, brachte sein Herz zum Stolpern.

Ein großer dunkelbrauner Hund, vermutlich der eines Gastes, bedrohte das verwöhnte Windspiel von Zarewna Olga. Dem Tier troffen Sabberfäden aus dem Maul, dann schnappte es mit seinen langen, spitzen Zähnen boshaft zu. Der wendige kleine Windhund entzog sich dem Angriff durch eine schnelle Drehung, war allerdings nicht bereit, das Feld zu räumen. Vielleicht weil er zu verspielt war, vielleicht aber auch, weil er wie die Zarensprösslinge um seinen Wert und seine Freiheiten wusste. Nur dass man das dem zotteligen Angreifer nicht gesagt hatte …

Ohne über die Folgen nachzudenken, stürzte Wilhelm hinter der Hecke hervor und klatschte mehrmals kräftig in die Hände, da er die Aufmerksamkeit des angriffslustigen Tieres auf sich lenken wollte. Dann packte er den nun einigermaßen verwirrt dreinblickenden Köter im Nacken und zerrte ihn von Olgas Schoßhündchen fort, das erneut wütend kläffte. Als hätte es selbst den Sieg über den unfreundlichen Artgenossen errungen.

Wilhelm hatte das raue Fell des Hundes zwar fest im Griff, wusste aber nicht, was er als Nächstes tun sollte. Vor allem weil sich die Aggression des Tieres nun gegen ihn richtete. Angst bemächtigte sich seiner. Er sah sich bereits mit zerbissener, blutüberströmter Hand.

Ein lauter Pfiff gellte durch den Garten und wurde von der türkisblauen Fassade der pompösen Sommerresidenz mit den weißen und goldenen Schmuckelementen zurückgeworfen. Der Hund hielt plötzlich ganz still und schickte sich an davonzurennen. Erleichtert ließ Wilhelm ihn gewähren, wirbelte aber herum, als er eine aufgeregte Mädchenstimme vernahm.

„Merci beaucoup.“

Keine vier Meter von ihm entfernt kauerte Olga. Die Zarewna hatte sich aus Angst vor dem fremden Hund unter einer der vielen Buchsbaumhecken versteckt. Nun erhob sie sich und schüttelte den cremefarbenen Rock ihres Kleides aus. Sie kam auf Wilhelm und ihr Schoßhündchen zu, das neugierig an Wilhelms weißer Hose schnupperte, wohl fasziniert von den Essensgerüchen, die der Dienstkleidung anhafteten.

Wilhelms Gesicht lief rot an. Von den sieben Zarenkindern war Olga ihm das Liebste. Nicht nur weil sie beide gleichaltrig waren, sondern auch weil das Mädchen sanfteren Gemütes war als die übrigen Geschwister; freundlicher zu den Bediensteten. Wenn er ihr einmal zufällig begegnete – was zu Wilhelms Bedauern viel zu selten geschah –, grüßte sie ihn stets mit einem zurückhaltenden Lächeln. Seiner Meinung nach ging Olga mit weitaus weniger Arroganz durchs Leben als ihre Schwestern, und im Gegensatz zu ihren Brüdern zeigte sie keinerlei Freude an dummen Possen, die mitunter auch den Angestellten gespielt oder ihnen in die Schuhe geschoben wurden. Denn wer widersprach schon einem Zarewitsch?

Olga, von ihren Geschwistern liebevoll Olly genannt, sprach weiter auf Wilhelm ein, gleichzeitig streichelte sie das kurze graue Fell des Windspiels.

Da er kein Wort Französisch verstand, zog Wilhelm nur hilflos die Schultern hoch. Dabei fiel ihm siedend heiß ein, dass er der Großherzogin mehr Respekt erweisen sollte, also vollführte er einen ungelenken Diener.


DER SOMMER DANACH hat es Dank eurer Stimmena auf die Shortlist des Community Awards (Lovelybooks.de) geschafft. Jetzt gilt es, erneut für den Roman abzustimmen. (Kategorie: Historische Romane) Herzlichen Dank dafür!


Wer schon einmal nach der Weihnachts-Geschenk-Gutschein-Aktion schauen möchte - die gibt es natürlich auch in diesem Jahr. Hier ist der LINK.

Die neuen Covers für Das Schimmern der Träume und Der Glanz eines neuen Morgens - plus Klappentexte findet ihr auf den entsprechenden Seiten.

Nächstes Jahr im März gibt es eine Neuauflage von Skarabäus und Schmetterling. Auch hier findet ihr das neue Cover auf der entsprechenden Seite.

Und ebenfalls im März gibt es den neuen "großen" GerthMedien-Roman Die Erbin des Bernstezimmers. Das Cover findet ihr ebenfalls auf der entsprechenden Buchseite - einfach dem Link folgen.


Träume im Wind ist der erste Band einer Dilogie - deren Bände unabhängig voneinander gelesen werden können - und kommt bereits Ende Juni auf den Buchmarkt. Erscheinen wird der Normandie-Roman über drei ganz unterschiedliche Frauen, die sich zusammenraufen müssen, bereits Ende Juni 2022 bei Tinte & Feder. Cover und Klappentext findet ihr HIER.

Und auch die Töchter der Freiheit - Reihe geht weiter. Band 3 und Band 4 sind bereits in Vorbereitung. Inzwischen habe ich auch die Titel erfaahren, und ich freue mich darauf, sie bald verraten zu dürfen!

Bei Gerth Medien gibt es ab Herbst ein Weihnachtsgeschichtenkurzgeschichtenbuch (puh!) aus meiner Feder. Kurz: Ein WeihnachtsBüchle!

Der Titel: Das beste Geschenk von allen. Klapptentext und Cover gibt es HIER.

~~~

Im Februar bei be / Bastei Lübbe erschienen:

Der zweite Teil der TÖCHTER DER FREIHEIT-Reihe

Die Funken der Hoffnung


Im März bei GerthMedien erschienen:

Der Sommer danach

Die berührende Geschichte einer mutigen Frau.
Bestseller-Autorin Elisabeth Büchle beschäftigt sich in ihrem neuen Roman „Der Sommer danach“ nicht nur mit der deutschen Vergangenheit, sondern begibt sich auch auf eine Spurensuche in ihre eigene Familiengeschichte.

„Der Sommer danach“ spielt im Nachkriegsdeutschland und erzählt die Geschichte der jungen Deutschen Karla. Das Besondere an diesem Charakter: Karla könnte tatsächlich nichts von den Machenschaften der Nationalsozialisten gewusst haben.

 In diesem Zusammenhang stellt Elisabeth Büchle ihrer Leserschaft und sich selbst die Frage: Wie hätte ich zur Zeit des Nationalsozialismus gehandelt? Das Ergebnis ist ein fesselnder, auf tatsächlichen Begebenheiten basierender Roman, der die innere Zerrissenheit von Autorin und Protagonistin in Einklang bringt.

In „Der Sommer danach“ entführt die Top-Autorin die Leserinnen und Leser ins Potsdam der Nachkriegszeit. Die junge Deutsche Karla lernt die Britin „Moneypenny“ kennen, die sie im sowjetischen Sektor in gefährliche Heimlichkeiten verstrickt. Karlas Kampf gegen Hunger und Einsamkeit sowie ihre verbotene Liebe zu einem Briten sind bei Weitem nicht die größten Herausforderungen, denen sie begegnet.

Das Projekt wurde gefördert durch ein Stipendium des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg.

und

Wohin der Wind uns trägt.

Endlich wieder da:

Seit vielen Jahren ausverkauft, auf vielfachen Kundenwunsch aber nun wieder erhältlich: „Wohin der Wind uns trägt“ in einer sprachlich und optisch überarbeiteten Neuauflage.

In einem ihrer ersten Romane erzählt Elisabeth Büchle die packende Geschichte der 18-jährigen Joanna Steinmann, die sich nach einigen Schicksalsschlägen mit ihren fünf Geschwistern auf den langen und beschwerlichen Treck in den Westen der USA aufmacht. Im Handgepäck haben sie die Hoffnung auf einen Neubeginn, auf ein neues Leben. Während ihrer Reise geraten die Geschwister immer wieder in bedrohliche Situationen und müssen zudem gegen eine Intrige in ihrer Heimat ankämpfen. „Wohin der Wind uns trägt“ bietet Kopfkino-Garantie vom Feinsten und lädt dazu ein, tief in das Amerika der Pionierzeit einzutauchen.


„Ich konnte dieses Buch kaum aus der Hand legen! Schuld daran waren nicht nur die spannenden Szenen, es lag auch an dem schönen Sprachstil mit den bildlichen Beschreibungen.“
(Leserstimme)

28.03.2022:

In diesem Jahr wird es leider den 3. Teil der Liliensee-Reihe nicht geben. Dieser ist auf 2023 verschoben worden. Der Verlag und ich bitten hierfür um Verständnis.

Allerdings gibt es dafür im Herbst/Winter 2022 ein "Überraschungs-Büchle" bei GerthMedien.

Außerdem dürft ihr euch ab Ende Juni auf einen neuen Noa C. Walker-Roman bei Tinte&Feder freuen. Das Cover ist noch in Arbeit, aber den Werbetext habe ich euch hier bereits eingestellt.

Schaut mal hier: Träume im Wind