Elisabeth Büchle & Noa C. Walker

Töchter der Freiheit ~

Das Leuchten der Sehnsucht

Diesen Roman gibt es seit Oktober 2021 als Ebook bei BE (Bastei Lübbe) und im November 2022 bei WELTBILD als Print.


Amerika, 1859: Als die junge Lehrerin Annie Braun auf der Südstaaten-Plantage Birch Island ihren Dienst antritt, trifft sie auf einen ihr völlig unbekannten luxuriösen und feudalen Lebensstil. Dieser und die Sklaven, die für die Familie arbeiten, sind für die Nordstaatlerin ungewohnt und befremdlich. Und auch auf die Menschen aus dem Süden wirken Annie und ihre Ansichten seltsam und fremd. Der Start wird ihr nicht leicht gemacht. Aber sie bleibt sich selbst treu und scheut sich nicht, ihre Meinung zu sagen. Das bringt nicht nur Konflikte mit sich, sondern weckt auch das Interesse des Sohnes des Plantagenbesitzers.

Während Annie im Süden ihren Weg geht, versucht ihre Schwester Sophia im Mittleren Westen Farm und Familie vor dem drohenden Bürgerkrieg zu schützen und ist ständiger Gefahr ausgesetzt. Auch der Cousin der beiden, Marcus Tanner, gerät zwischen die Fronten: Er ist in die Südstaatlerin Susanne Belle Jackson verliebt. Die ist allerdings schon einem Mann ihres Standes versprochen. Doch das hindert Marcus nicht daran, um sie zu kämpfen.

„Das Leuchten der Sehnsucht“ ist der erste Band einer emotionalen, mehrbändigen Familiensaga rund um den amerikanischen Bürgerkrieg, in der sich abgrundtiefer Hass, ein gnadenloser Krieg und unmenschliche Ungerechtigkeiten mit der großen Liebe, tiefgehender Freundschaft und den kleinen Freuden des Lebens die Hand reichen. Ein Pageturner, der einen nicht mehr loslässt.

eBooks bei beHEARTBEAT – Herzklopfen garantiert.


Hier stelle ich für euch einige "Outtakes" ein - größere (unlektorierte) Szenen, die es nicht ins Buch geschafft haben.

Gleich zu Beginn natürlich der Prolog.

PROLOG
Frühjahr 1963, New York City

Johanna Delare wippte gemächlich in dem robusten Korbschaukelstuhl. Ihre von Altersflecken übersäten Hände ruhten gefaltet im Schoß. Eine Strähne ihres weißen Haares hatte sich aus dem strengen Knoten gelöst und kitzelte sie an der Wange.
Sie lauschte auf die Regentropfen, die kräftig gegen ihr Dachfenster klatschten, dort zersprangen und eine einschläfernde Melodie spielten, sodass Johanna die Augen lieber wieder aufschlug. Diese waren auffällig groß und hatten die Farbe eines vereisten Bergsees; das Erbe ihrer Mutter, die sie im Jahr 1877 als viertes und letztes Kind zur Welt gebracht hatte.
Johanna seufzte hörbar. Wer hätte einst vermutet, dass sie so alt werden würde, so vieles erleben und auch erleiden musste, bevor sie ihre letzte Reise in den Himmel antreten durfte?
In Gedanken wanderte Johanna zurück in eine längst vergangene Zeit, in das vorige Jahrhundert und, wie es ihr manchmal vorkam, in eine andere Welt. Langsam tastete sie sich in ihren Erinnerungen voran, durchlebte noch einmal Höhen und Tiefen, spürte Freude und Leid, Angst und Hoffnung, Sorge und Ausgelassenheit.
Als es an der Tür läutete, schrak sie hoch. Auf das Fensterbrett gestützt, stemmte sie sich aus dem Schaukelstuhl. Sie hatte keine Eile, denn Ihre Besucherin wusste, dass sie geraume Zeit benötigte.
Schlotternd vor Kälte, die Arme um ihren nassen Körper geschlungen, trat ihre Urenkelin ein. Die siebzehnjährige Jamie Roberts war bis auf die Haut durchnässt, die blonden kurzen Haare klebten ihr unvorteilhaft am Kopf, der ansonsten schwingende Rock ihres taillierten grünen Kleides lag eng auf ihren Oberschenkeln.
„Hallo, Joni! Das ist heute vielleicht ein unmögliches Wetter“, maulte das Mädchen.
Johanna betrachtete die Pfütze, die sich um die spitz zulaufenden Pumps ihrer Urenkelin bildete, und erwiderte trocken: „Vielleicht bist du nur unmöglich angezogen?“
„Ich verschwinde mal im Bad. Kann ich mir einen Bademantel leihen?“
Johanna bejahte und begab sich zurück zu ihrem Schaukelstuhl. Sie würde Jamie erst dann, wenn sie sich abgetrocknet hatte, verraten, dass das Gewünschte im Schlafzimmer lag. Schließlich wollte sie nicht in der ganzen Wohnung Regenpfützen finden.
„Wo hast du denn einen Bademantel?“, erklang kurz darauf die jugendliche Stimme.
„Im Schlafzimmerschrank, ganz rechts oben.“
Jamie flitzte, in ein Handtuch gewickelt, durch den Raum und betrat das Schlafzimmer. Die Schranktür quietschte, als Jamie diese öffnete. Die meisten Möbel in Johannas Wohnung waren alt, aber gut erhalten, und Jamie wusste vorsichtig und respektvoll mit ihnen umzugehen. Johanna hatte ihrer Urenkelin fast alle Geschichten erzählt, die untrennbar mit den antiken Gegenständen verbunden waren.
Während Jamies wöchentlicher Besuche, die mit Johannas Umzug in die Stadt begonnen hatten, hatte die hochbetagte Frau versucht, dem oft übermütigen Teenager nahezubringen, dass in ihrer Urgroßmutter nicht einfach nur eine oft müde und körperlich schwache Person steckte. Erfreulicherweise war sie bei Jamie auf offene Ohren und ein großes Herz gestoßen.
Sie hatte mittlerweile eines gelernt: Johanna Delare war auch einmal ein kleines Kind, ein verliebtes junges Mädchen, eine Frau mit einer Familie und eine Kämpferin gewesen. Sie genossen ihre Zusammenkünfte und brachten einander Respekt und Zuneigung entgegen. Johanna liebte den wissbegierigen Teenager innig, zumal Jamie sie sehr an sich selbst erinnerte.
~~~
Jamie tastete das obere Regalbrett ab und fand das Gesuchte ordentlich zusammengelegt zwischen einigen Handtüchern. Mit einer Hand, dabei auf Zehenspitzen balancierend, zog sie an dem blauen Stoff. Der Frotteebademantel rutschte heraus und mit ihm ein brauner Briefumschlag, der klatschend auf dem Linoleum aufschlug. Ein paar auf den ersten Blick unscharf wirkende Schwarz-Weiß-Fotografien verteilten sich fächerförmig.
Jamie hockte sich hin, legte den Bademantel achtlos beiseite und ergriff behutsam eine Fotografie. Fasziniert betrachtete sie eine von weißen Säulen eingerahmte Treppe, auf der Frauen, Männer und Kinder in viktorianischer Garderobe zu sehen waren, ausstaffiert mit kunstvollen Frisuren, Fächern und Hüten. Im Hintergrund standen eine schwarze Frau und ein kleiner Junge. Diese waren bei Weitem nicht so verschwenderisch gekleidet.
Jamie hob das zweite Bild auf. Auf diesem war ein gutaussehender junger Mann in einer Uniform abgebildet, die sie als Südstaatenuniform während des amerikanischen Bürgerkrieges identifizierte. Bevor Jamie sich den übrigen Fotografien zuwenden konnte, rief ihre Urgroßmutter nach ihr.
Also schlüpfte sie eilig in den Bademantel, nahm die Bilder vorsichtig in die eine und das Handtuch in die andere Hand und eilte zurück ins Bad, um dort die nassen Sachen aufzuhängen. Anschließend gesellte sie sich zu Johanna. „Schau, was ich gefunden habe. Die müssen ja steinalt sein!“ Jamie legte Johanna ihren Fund in den Schoß.
Diese ergriff die Abbildungen mit leicht zitternden Händen und betrachtete sie eingehend. „Ja, die Originale sind etwa einhundert Jahre alt. Ich habe sie von meiner Mutter bekommen. Das hier sind allerdings abfotografierte Bilder.“
Jamie zog mit dem Fuß einen Korbsessel herbei und ließ sich hineinfallen. „Hundert Jahre!“ Ehrfürchtig blickte sie auf die Fotografien. „Weißt du, wer das ist?“
Jamie musste lange auf eine Antwort warten, da ihre Urgroßmutter völlig in den Anblick versunken war. „Ja, das weiß ich.“
Jamie ließ Johanna keinen Moment aus den Augen und fragte sich dabei, ob sie vielleicht jemanden auf den Fotografien persönlich gekannt hatte? Sie erschrak, als Johanna sie mit nüchterner Stimme aufforderte, einen Tee zuzubereiten.
Wenig später steckten sie erneut die Köpfe zusammen. Eines der Gruppenbilder zog Jamie und auch Johanna völlig in seinen Bann, trug sie davon in vergangene Zeiten.
„… und das war der jüngste Spross der Familie. Er hieß Robert, wurde jedoch nur Bobby gerufen. Er starb viel zu früh, ich glaube an irgendeiner Krankheit.“ Johanna strich sich eine Strähne hinter das Ohr, konzentrierte sich dann aber wieder auf die Gesichter, die ihnen fröhlich, unwillig oder auch gelangweilt entgegenblickten. „Siehst du die Frau hier rechts an der Seite? Die in dem schlichteren Kleid und ohne Hut?“
„Ja. Der junge Mann hier drüben, der schaut genau zu ihr hin. Wer ist das?“
„Das, liebe Jamie, ist Anna Braun, genannt Annie. Die Lehrerin der jungen Herrschaften – und meine Mutter, deine Ururgroßmutter.“

Annies Ankunft mit dem Dampfer in Charleston.

1859 ~ South Carolina

Weiße Wolkenberge türmten sich über Charleston, einer Stadt, in der jeder vierte Einwohner deutsche Wurzeln hatte. Castle Pickney und einige Kirchtürme der still in der Abendsonne liegenden Stadtsilhouette machten es den Wolken nach und ruhten spiegelverkehrt mit nur leicht schlingernden Bewegungen auf dem blaugrauen Wasser der Bucht. Lautstark kreischend umkreisten Möwen das lärmende Dampfschiff, das seinen Weg zur „schönsten Stadt Americas“ gefunden hatte und nun die Hafenanlagen ansteuerte. Der Rumpf des Schiffes teilte die Fluten, warf Gischt geschmückte Wellen auf und hinterließ eine sich in der Ferne verlierende Spur auf dem Wasser. Noch einmal überflogen die weißgefiederten Seevögel das Oberdeck und zogen dann ungeordnet und mit vielen sinnlos wirkenden Schleifen in Richtung Sullivans Island davon.

Immer mehr Passagiere fanden sich an der Reling ein, um die Ankunft in Charleston mitzuerleben. Neugier und eine gehörige Portion Nervosität, hatten eine junge Frau veranlasst, an die Bugreling zu treten. Reglos trotzte die Neunzehnjährige dem Fahrtwind, der an ihrem dunkelblauen Reisekleid zerrte. Sie hatte die Hände so fest um die oberste Eisenstange gelegt, dass sich ihre Fingerknöchel weiß hervorhoben. Mit ihren klaren blauen Augen betrachtete sie die Stadt, während sich widerspenstige schwarze Strähnen aus dem Haarknoten lösten und mit der Unionsflagge am Heck des Dampfers um die Wette wehten.

Schließlich senkte Annie Braun den Kopf und ließ die Reling los. Vorsichtig bewegte sie einen Finger nach dem anderen, ehe sie diese bewusst locker wieder um die Stange legte. Mit Charleston hatte sie die letzte Zwischenstation auf ihrer unfreiwilligen Reise erreicht. Im Landesinneren von South Carolina wartete eine Anstellung als Privatlehrerin auf sie.

Annie griff mit der linken Hand in die Tasche ihres kurzgeschnittenen Jäckchens, das zu ihrem Reisekostüm gehörte, und zog einen reichlich zerknitterten Briefumschlag hervor. Frustriert betrachtete sie die ausschweifende Handschrift ihres Onkels. (… Der hier gelöschte Abschnitt über den Inhalt des Briefes und nachfolgende Überlegungen von Annie findet sich auch im Roman, wenngleich an etwas anderer Stelle …)

Annie registriere eine zunehmende Geschäftigkeit an Bord. Das Deck hatte sich mittlerweile mit Reisenden gefüllt, die den Kai nach bekannten Gesichtern absuchten. Damen in spitzenverzierten Krinolinenkleidern und Herren in dunklen Anzügen, dazwischen immer wieder auch einige Kinder, wechselten sich mit Gruppen von Männern ab, die eher ungepflegt wirkten und lauthals ihre Unterhaltungen führten. Zwei Mädchen in üppig mit Volants verzierten Kleidern drängten sich zu Annie an die Reling. Sie reisten in Begleitung zweier schwarzer Frauen und einer strengaussehenden älteren weißen Dame. Schließlich begannen die Mädchen aufgeregt zu winken, die Frau nickte beruhigt, und nur bei den Sklavinnen blieb jede Reaktion aus.

Hinter einer unruhigen Männergruppe an Deck entdeckte Annie einen jungen Mann, der das turbulente Treiben gelassen beobachtete. Er schien niemanden im Hafen zu erwarten, denn er überflog die Wartenden mit einem flüchtigen Blick, ehe er seine Aufmerksamkeit den Seeleuten schenkte. Diese sprangen nun, ein dickes Tau hinter sich herziehend, an Land, um das Dampfschiff zu vertäuen.

Beinahe im selben Moment musste Annie feststellen, dass sich das Interesse vieler Passagiere plötzlich auf sie konzentrierte. Irritiert senkte sie den Kopf. Was war geschehen? Sie hatte weder etwas gesagt noch eine Bewegung gemacht, anhand derer sie hätte auffallen können. Annie warf einen möglichst unauffälligen Blick die Reling entlang. Das Ergebnis blieb dasselbe: Sie stand weiterhin im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Einige Männer schauten sie unverhohlen an, die beiden Mädchen und ihre ältere Begleiterin tuschelten miteinander, wobei sie Annie kopfschüttelnd von oben bis unten musterten.

 Erneut sah sie an ihrem Kostüm hinab. Es war zwar, im Vergleich zur Garderobe der meisten anderen weiblichen Passagiere, ausnehmend schlicht, aber sauber und kaum zerknittert. Es gab nichts, woran man Anstoß nehmen könnte. Daher atmete Annie tief durch und hob den Kopf. Sollten sie doch starren! Trotzig schob sie auch noch das Kinn vor.

Die Männer stießen sich feixend an, und der allein reisende junge Mann lächelte spöttisch. Annie drehte ihnen allen den Rücken zu, ergriff ihren zerkratzten Lederkoffer und ging zur Landungsbrücke, um als Erste das Schiff zu verlassen.

Thomas ~ Harpers Ferry ~ Virginia

Herbst 1859

„Thomas hat sich gestern verabschiedet. Mich hat es auch gewundert, schließlich hat er sein Leben lang in New York gelebt.“ Klaus West fuhr mit dem Finger die Landkarte entlang, bis er auf den Zusammenfluss des Potomac und des Shenandoah traf. „Hier verläuft auch die Grenze zwischen Maryland und Virginia.“ Der ältere Mann zog eine weitere Karte hervor. „Da haben wir es: Harpers Ferry. Eine Fährgesellschaft, die nicht mehr, oder nur noch sehr selten in Betrieb ist, schließlich gibt es dort jetzt mehrere Brücken. Es ist eine kleine Ortschaft, eine Grenzgemeinde zwischen den beiden Staaten und was das Wichtigste ist, dort gibt es ein US-Zeughaus und Waffenarsenal.“

„Waffen?“, fragte Jennifer erschrocken.

 „Nachdem, was Sie mir von Thomas erzählt haben, wird Brown mit den erbeuteten Waffen seine Armee von schwarzen Soldaten ausrüsten wollen.“

„Denken Sie, er hat eine solche Armee? Die Reaktion meiner drei Gäste war eindeutig negativ.“

Klaus blickte noch immer auf die Karte. „Ich vermute, dass die wenigsten Schwarzen dieses Risiko eingehen. Und wenn ich mir das hier so anschaue,“ er schüttelte nachdenklich den Kopf,“ ist dies kein sehr guter Platz, um einen Krieg zu beginnen.“

„Krieg?“ Jennifer Tanners Stimme war eine Tonlage höher gerutscht, und Klaus sah zum ersten Mal auf.

„Was macht eine Armee, wenn sie in einen anderen Staat einfällt? Einen Krieg vom Zaun brechen, oder nicht?“

„Aber Mr West, sie greifen kein Land an, sondern überfallen eine Einrichtung der US-Behörde.“

„Gut, sehen wir es mal so. Dann proben sie also einen Aufstand gegen das eigene Land, indem sie eine Bundeseinrichtung überfallen. Was aber geschieht anschließend? Wollen sie mit den erbeuteten Waffen immer weiter in den Süden vordringen und dort so lange für Unruhe sorgen, bis sie ihr Ziel erreicht haben: die Beendigung der Sklaverei?“

Jennifer dachte unwillkürlich an ihre Kusine Sophia, die gerade in ähnlichen Verhältnissen lebte und an Annie, die sich dort unten im Süden aufhielt. Die Gedanken an Marcus und Susanna-Belle schob sie sofort beiseite. Zu beunruhigend waren diese, da ein Konflikt zwischen Nord und Süd das endgültige Aus für ihre Hoffnungen bedeuten würde.

„Keine Sorge, soweit wird es nicht kommen. Die US-Regierung wird es nicht hinnehmen, dass ein John Brown ihr Waffenarsenal ausräumt. Hier zwischen den beiden Flüssen sitzt diese selbsternannte Armee ohnehin in der Falle. Kein guter Platz, um einen erfolgreichen Streich auszuführen.“

Jennifer streckte sich und rieb sich den schmerzenden Rücken. „Was tun wir jetzt mit unseren Vermutungen?“

Klaus faltete das Kartenmaterial zusammen. „Wir können uns ruhig verhalten und gar nichts tun. Den Dingen einfach ihren Lauf lassen, denn ich denke nicht, dass Brown erfolgreich sein wird.“

„Oder?“

„Oder Sie schreiben einen Brief, anonym vielleicht, damit Sie nicht in diese unleidige Sache mit hineingezogen werden, und warnen die Menschen von Harpers Ferry.“

Unentschlossen schüttelte Jennifer den Kopf. „Vielleicht lasse ich tatsächlich alles auf sich beruhen und hoffe, dass Thomas sich getäuscht oder gar phantasiert hat.“

Klaus nickte ihr zu und wechselte das Thema: „Sie haben derzeit keine Gäste?“

„Nein, mein unwirtliches Gastzimmer ist leer. Haben Sie schon Nachrichten darüber, ob wieder jemand kommt?“

„In den nächsten Tagen, ja. Ich gebe Ihnen auf dem üblichen Weg Bescheid. Leider sind uns vor ein paar Wochen einige Passagiere verloren gegangen. Aber bis dieser eine, der übrig geblieben ist, hier ankommt, wird es noch dauern. Ich erzähle Ihnen das nur, weil einer der Flüchtigen von Ihrer Kusine Anna Braun eingeschleust worden ist, die uns ja eigentlich eine Absage erteilt hatte. Das Seltsame ist nur, dass in dem verschlüsselten Telegramm, welches wir bekommen haben, von einer weißen Frau die Rede ist.“

Jennifer runzelte verwirrt die Stirn. Ebenso wie Klaus konnte sie sich diese ungewöhnliche Nachricht nicht erklären. Warum sollte Annie eine weiße Frau auf die Reise mit der Untergrundbahn schicken? Für den Bruchteil eines Augenblicks blitzte der Name Susanna Belle Jackson auf, doch sie schob den Gedanken erfolgreich beiseite. Das war zu absurd. Nicht einmal Annie würde so etwas fertigbringen.

***

Thomas saß im Schatten des Farmgebäudes, umringt von einigen unterschiedlich zusammen gewürfelten weißen Männern und fünf Schwarzen. John Brown, aus dessen bärtigem Gesicht die wild funkelnden Augen und die große Hakennase hervorstachen, lief vor seiner kleinen Armee auf und ab. Er legte seinen Angriffsplan dar.

Thomas hatte es aufgegeben, den unruhig hin und her Laufenden zu beobachten. Sein Blick schweifte in die Runde. Von den drei Söhnen John Browns über die kleine Gruppe schwarzer Männer, bis zu den vierzehn anderen Soldaten ihrer kümmerlichen Armee.

Thomas hatte den Faden von Browns Ausführungen verloren und schüttelte leicht irritiert den Kopf. Vorbei war sein Traum von einer schlagkräftigen Armee, die sich mit den einhunderttausend Waffen aus dem US-Arsenal bewaffnen und von den Appalachen, ihrem neuen Schwarzenstaat aus, einen Feldzug durch den Süden beginnen würden. Vorbei war auch sein Traum von großem Heldentum, in dem er sich, als einen der Mitbegründer eines eigenen Staates und als Mitstreiter bei dem glorreichen Kampf gegen die Sklaverei, gesehen hatte. Was sollten sie schon ausrichten?

Der junge Mann sah zum wolkenlosen Himmel hinauf. Es hatte keinen Zweck, bei dieser Unternehmung dabei zu sein. Sie würde ihm weder Ruhm noch den Sklaven die Freiheit bringen. Sein Blick fiel auf den ruhelosen älteren Mann, der mit heroisch erhobener Stimme davon sprach, wie sich nach der Stürmung des US-Eigentums eine große Anzahl Schwarzer zu ihnen gesellen würden. Gleich Tausende von Bienen, die sich um den Bienenstock sammelten.

Thomas horchte auf. Standen doch noch mehr Männer zu Verfügung? Wenn sie tatsächlich kamen – die Tausenden von Schwarzen – um für ihre Rechte zu kämpfen, dann hatten sie eine Chance.

Brown beendete seine Rede, und Thomas rieb sich etwas verlegen über die Wange. Er hatte kaum etwas von dem für sie dargelegten Plan mitbekommen.

„Legen wir uns noch etwas hin. Die Nacht wird umwälzende Ereignisse und wenig Schlaf für uns bringen.“

Thomas stand ebenfalls auf. Heute Nacht schon sollten sie losschlagen? Er hatte eindeutig zu viel von Browns Rede verträumt. Unauffällig gesellte er sich zu einer diskutierenden Gruppe, um aus deren Gesprächen doch noch das Wichtigste zu erfahren.

***

Nach Einbruch der Dunkelheit führte Brown eine Gruppe von achtzehn Männern in die winzige Ortschaft Harpers Ferry; drei Mann waren als Wachen am Stützpunkt zurückgeblieben. Das flaue Gefühl in Thomas’ Magen machte ihm klar: Er wäre lieber einer von ihnen gewesen.

Sie benötigten nicht lange, bis sie einen schmiedeeisernen Zaun erreichten, der in regelmäßigen Abständen von quadratischen Mauerblöcken gehalten wurde. Thomas konnte einige zweistöckige Gebäude dahinter ausmachen, ein Turm erhob sich in den nächtlichen Himmel hinein.

Thomas tastete mit der Hand nach seinem umgehängten Gewehr und wäre beinahe über eine Unebenheit gestolpert. Jemand zischte ihm zu, dass er leise sein solle, und irgendwo schnaubte ein Pferd.

Brown gebot ihnen anzuhalten und entfernte sich mit einer kleinen Vorhut. Kurz darauf kam ein Bote zurück und berichtete, dass der einzige Wachposten überrumpelt und somit das gesamte Bundesarsenal in ihrer Hand sei. Thomas traute seinen Ohren nicht. So einfach war es, das Regierungsgelände einzunehmen?

Sie traten zwischen den Tormauern hindurch auf die breit angelegte Straße. Die Vorhut und Brown erwarteten sie bei einer Baumgruppe. Ihnen gegenüber ragte der Turm drohend in die Höhe.

Thomas und weitere Männer wurden als Patrouille entsandt, die den Sklaven den Sieg melden und sie nach Harpers Ferry bringen sollten, ebenso sollten sie sich nach anderen Soldaten oder Zivilpersonen in der näheren Umgebung umsehen. Niemand durfte John Browns Armee frühzeitig verraten, und außerdem konnten ein paar Geiseln mehr von Vorteil sein.

Thomas durchstreifte das Gelände innerhalb und außerhalb des Arsenals, traf aber auf niemanden und begab sich zurück zum Maschinenhaus, welches links neben dem Eingang des umzäunten Grundstückes lag und Brown als Basis diente. Er kam gleichzeitig mit einer Gruppe an, die einige Gefangene mitbrachte. Diese wurden in Gewahrsam genommen und bei ihrer Befragung stellte sich heraus, dass sich unter ihnen ein Urgroßneffe von George Washington befand.

Thomas lehnte im Türrahmen und blickte in die dunkle Nacht hinaus. Alles war schnell und reibungslos verlaufen, wie Brown es vorausgesagt hatte. Nun wartete Thomas auf weitere Befehle und vor allem auf das Eintreffen der restlichen Armee – auf die schwarzen Männer, die zusammen mit ihnen kämpfen wollten. Lange Zeit geschah überhaupt nichts, denn Brown hatte es sich bequem gemacht und wartete ebenfalls.

So pendelte Thomas zwischen der Eingangstür und der kleinen Gruppe hin und her, die sich mit den Gefangenen unterhielt. Immer wieder warf er einen ungeduldigen Blick auf ihren Anführer, doch Brown schien keine Eile zu haben. Die Untätigkeit und die nahezu unheimliche Ruhe um ihn her, machten Thomas nervös.

Schließlich gesellten sich mehrere Gestalten zu ihnen, darunter eine Handvoll Schwarze, aber danach schien die Zeit erneut stillzustehen. Um sich wach zu halten, schlenderte der junge Abolitionist durch die Räume des Maschinenhauses und wieder zurück zum Eingang. Es ging auf Mitternacht zu, und Thomas fieberte einer Aktion entgegen. Wie es aussah, würden sie den Mitternachtszug zur Ostküste stoppen.

Plötzlich legte sich Browns Hand auf seine schmächtige Schulter. „Bereit zu neuen Taten?“

Thomas nickte eilfertig.

„Gut, die Wache an der Brücke sollte abgelöst werden. Mach dich auf den Weg.“

Er sollte an der Brücke Wache stehen, während seine Kameraden den Zug stoppten? Enttäuscht trat er hinaus in die Dunkelheit. Er befand sich nur noch wenige Meter von der Brücke entfernt, als vor ihm ein rotgelber Blitz aufleuchtete, begleitet von einem lauten Knall. Thomas warf sich auf den staubigen Boden. Vor ihm wurde gekämpft – die erste richtige Kampfhandlung in dieser Nacht!

Sollte er zurückkehren, um Meldung zu machen oder lieber direkt seinem Kameraden zu Hilfe kommen? Der junge Kämpfer entschloss sich für Letzteres und lief gebeugt vorwärts. Er trat auf den Brückenbock hinaus und stieß mit dem Fuß gegen etwas. Als er hinunterblickte, verschlug es ihm für einige Sekunden den Atem. Vor ihm lag ein Schwarzer, der erschossen worden war.

„Thomas, bist du das?“ Er wirbelte herum und riss seine Waffe hoch, doch es war nur die Brückenwache.

„Wer ist das?“, keuchte Thomas und deutete auf die reglose Gestalt am Boden.

„Ich weiß auch nicht, was ich jetzt mit ihm machen soll? Er kam hier herauf, und ich habe einfach geschossen. Das ist ein Angestellter der Zuggesellschaft, vielleicht der Gepäckaufseher vom Bahnhof oder so.“

Nun erst recht verunsichert verließ Thomas den Brückenbock. Er hatte plötzlich keine Lust mehr, dieser seltsamen Armee anzugehören. Ohnehin schienen die erwarteten Schwarzen nicht einzutreffen. Aus der Ferne hörte er das Nahen des Mitternachtszugs. Er blickte zu seinem Mitstreiter hinüber, der noch immer kopfschüttelnd über der toten Gestalt stand. Kurz entschlossen schulterte Thomas sein Gewehr.

Er lief davon, während Browns Männer den Zug mehrere Stunden lang festhielten, ehe sie ihn einfach weiterfahren ließen. Allmählich kamen anderen Beteiligten ebenfalls Zweifeln an der Strategie ihres Anführers. Auch sie fragten sich, wo die erwarteten Schwarzen blieben und wie es in Harpers Ferry weitergehen sollte.

Derweil sammelten sich an diesem frühen Morgen Mitte Oktober die Bewohner von Harpers Ferry und eine Miliztruppe aus Virginia und Maryland, um die unerwünschten Eindringlinge anzugreifen. Das Personal des zuerst festgesetzten und später wieder entlassenen Zuges hatte erfolgreich Alarm geschlagen.