Elisabeth Büchle & Noa C. Walker

Töchter der Freiheit ~

Das Leuchten der Sehnsucht

Dieser Roman erscheint im Oktober 2021 als Ebook bei BE (Bastei Lübbe) und im November 2022 bei WELTBILD als Print.


Amerika, 1859: Als die junge Lehrerin Annie Braun auf der Südstaaten-Plantage Birch Island ihren Dienst antritt, trifft sie auf einen ihr völlig unbekannten luxuriösen und feudalen Lebensstil. Dieser und die Sklaven, die für die Familie arbeiten, sind für die Nordstaatlerin ungewohnt und befremdlich. Und auch auf die Menschen aus dem Süden wirken Annie und ihre Ansichten seltsam und fremd. Der Start wird ihr nicht leicht gemacht. Aber sie bleibt sich selbst treu und scheut sich nicht, ihre Meinung zu sagen. Das bringt nicht nur Konflikte mit sich, sondern weckt auch das Interesse des Sohnes des Plantagenbesitzers.

Während Annie im Süden ihren Weg geht, versucht ihre Schwester Sophia im Mittleren Westen Farm und Familie vor dem drohenden Bürgerkrieg zu schützen und ist ständiger Gefahr ausgesetzt. Auch der Cousin der beiden, Marcus Tanner, gerät zwischen die Fronten: Er ist in die Südstaatlerin Susanne Belle Jackson verliebt. Die ist allerdings schon einem Mann ihres Standes versprochen. Doch das hindert Marcus nicht daran, um sie zu kämpfen.

„Das Leuchten der Sehnsucht“ ist der erste Band einer emotionalen, mehrbändigen Familiensaga rund um den amerikanischen Bürgerkrieg, in der sich abgrundtiefer Hass, ein gnadenloser Krieg und unmenschliche Ungerechtigkeiten mit der großen Liebe, tiefgehender Freundschaft und den kleinen Freuden des Lebens die Hand reichen. Ein Pageturner, der einen nicht mehr loslässt.

eBooks bei beHEARTBEAT – Herzklopfen garantiert.


Hier stelle ich für euch einige "Outtakes" ein - größere (unlektorierte) Szenen, die es nicht ins Buch geschafft haben.

Gleich zu Beginn natürlich der Prolog.

PROLOG
Frühjahr 1963, New York City

Johanna Delare wippte gemächlich in dem robusten Korbschaukelstuhl. Ihre von Altersflecken übersäten Hände ruhten gefaltet im Schoß. Eine Strähne ihres weißen Haares hatte sich aus dem strengen Knoten gelöst und kitzelte sie an der Wange.
Sie lauschte auf die Regentropfen, die kräftig gegen ihr Dachfenster klatschten, dort zersprangen und eine einschläfernde Melodie spielten, sodass Johanna die Augen lieber wieder aufschlug. Diese waren auffällig groß und hatten die Farbe eines vereisten Bergsees; das Erbe ihrer Mutter, die sie im Jahr 1877 als viertes und letztes Kind zur Welt gebracht hatte.
Johanna seufzte hörbar. Wer hätte einst vermutet, dass sie so alt werden würde, so vieles erleben und auch erleiden musste, bevor sie ihre letzte Reise in den Himmel antreten durfte?
In Gedanken wanderte Johanna zurück in eine längst vergangene Zeit, in das vorige Jahrhundert und, wie es ihr manchmal vorkam, in eine andere Welt. Langsam tastete sie sich in ihren Erinnerungen voran, durchlebte noch einmal Höhen und Tiefen, spürte Freude und Leid, Angst und Hoffnung, Sorge und Ausgelassenheit.
Als es an der Tür läutete, schrak sie hoch. Auf das Fensterbrett gestützt, stemmte sie sich aus dem Schaukelstuhl. Sie hatte keine Eile, denn Ihre Besucherin wusste, dass sie geraume Zeit benötigte.
Schlotternd vor Kälte, die Arme um ihren nassen Körper geschlungen, trat ihre Urenkelin ein. Die siebzehnjährige Jamie Roberts war bis auf die Haut durchnässt, die blonden kurzen Haare klebten ihr unvorteilhaft am Kopf, der ansonsten schwingende Rock ihres taillierten grünen Kleides lag eng auf ihren Oberschenkeln.
„Hallo, Joni! Das ist heute vielleicht ein unmögliches Wetter“, maulte das Mädchen.
Johanna betrachtete die Pfütze, die sich um die spitz zulaufenden Pumps ihrer Urenkelin bildete, und erwiderte trocken: „Vielleicht bist du nur unmöglich angezogen?“
„Ich verschwinde mal im Bad. Kann ich mir einen Bademantel leihen?“
Johanna bejahte und begab sich zurück zu ihrem Schaukelstuhl. Sie würde Jamie erst dann, wenn sie sich abgetrocknet hatte, verraten, dass das Gewünschte im Schlafzimmer lag. Schließlich wollte sie nicht in der ganzen Wohnung Regenpfützen finden.
„Wo hast du denn einen Bademantel?“, erklang kurz darauf die jugendliche Stimme.
„Im Schlafzimmerschrank, ganz rechts oben.“
Jamie flitzte, in ein Handtuch gewickelt, durch den Raum und betrat das Schlafzimmer. Die Schranktür quietschte, als Jamie diese öffnete. Die meisten Möbel in Johannas Wohnung waren alt, aber gut erhalten, und Jamie wusste vorsichtig und respektvoll mit ihnen umzugehen. Johanna hatte ihrer Urenkelin fast alle Geschichten erzählt, die untrennbar mit den antiken Gegenständen verbunden waren.
Während Jamies wöchentlicher Besuche, die mit Johannas Umzug in die Stadt begonnen hatten, hatte die hochbetagte Frau versucht, dem oft übermütigen Teenager nahezubringen, dass in ihrer Urgroßmutter nicht einfach nur eine oft müde und körperlich schwache Person steckte. Erfreulicherweise war sie bei Jamie auf offene Ohren und ein großes Herz gestoßen.
Sie hatte mittlerweile eines gelernt: Johanna Delare war auch einmal ein kleines Kind, ein verliebtes junges Mädchen, eine Frau mit einer Familie und eine Kämpferin gewesen. Sie genossen ihre Zusammenkünfte und brachten einander Respekt und Zuneigung entgegen. Johanna liebte den wissbegierigen Teenager innig, zumal Jamie sie sehr an sich selbst erinnerte.
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Jamie tastete das obere Regalbrett ab und fand das Gesuchte ordentlich zusammengelegt zwischen einigen Handtüchern. Mit einer Hand, dabei auf Zehenspitzen balancierend, zog sie an dem blauen Stoff. Der Frotteebademantel rutschte heraus und mit ihm ein brauner Briefumschlag, der klatschend auf dem Linoleum aufschlug. Ein paar auf den ersten Blick unscharf wirkende Schwarz-Weiß-Fotografien verteilten sich fächerförmig.
Jamie hockte sich hin, legte den Bademantel achtlos beiseite und ergriff behutsam eine Fotografie. Fasziniert betrachtete sie eine von weißen Säulen eingerahmte Treppe, auf der Frauen, Männer und Kinder in viktorianischer Garderobe zu sehen waren, ausstaffiert mit kunstvollen Frisuren, Fächern und Hüten. Im Hintergrund standen eine schwarze Frau und ein kleiner Junge. Diese waren bei Weitem nicht so verschwenderisch gekleidet.
Jamie hob das zweite Bild auf. Auf diesem war ein gutaussehender junger Mann in einer Uniform abgebildet, die sie als Südstaatenuniform während des amerikanischen Bürgerkrieges identifizierte. Bevor Jamie sich den übrigen Fotografien zuwenden konnte, rief ihre Urgroßmutter nach ihr.
Also schlüpfte sie eilig in den Bademantel, nahm die Bilder vorsichtig in die eine und das Handtuch in die andere Hand und eilte zurück ins Bad, um dort die nassen Sachen aufzuhängen. Anschließend gesellte sie sich zu Johanna. „Schau, was ich gefunden habe. Die müssen ja steinalt sein!“ Jamie legte Johanna ihren Fund in den Schoß.
Diese ergriff die Abbildungen mit leicht zitternden Händen und betrachtete sie eingehend. „Ja, die Originale sind etwa einhundert Jahre alt. Ich habe sie von meiner Mutter bekommen. Das hier sind allerdings abfotografierte Bilder.“
Jamie zog mit dem Fuß einen Korbsessel herbei und ließ sich hineinfallen. „Hundert Jahre!“ Ehrfürchtig blickte sie auf die Fotografien. „Weißt du, wer das ist?“
Jamie musste lange auf eine Antwort warten, da ihre Urgroßmutter völlig in den Anblick versunken war. „Ja, das weiß ich.“
Jamie ließ Johanna keinen Moment aus den Augen und fragte sich dabei, ob sie vielleicht jemanden auf den Fotografien persönlich gekannt hatte? Sie erschrak, als Johanna sie mit nüchterner Stimme aufforderte, einen Tee zuzubereiten.
Wenig später steckten sie erneut die Köpfe zusammen. Eines der Gruppenbilder zog Jamie und auch Johanna völlig in seinen Bann, trug sie davon in vergangene Zeiten.
„… und das war der jüngste Spross der Familie. Er hieß Robert, wurde jedoch nur Bobby gerufen. Er starb viel zu früh, ich glaube an irgendeiner Krankheit.“ Johanna strich sich eine Strähne hinter das Ohr, konzentrierte sich dann aber wieder auf die Gesichter, die ihnen fröhlich, unwillig oder auch gelangweilt entgegenblickten. „Siehst du die Frau hier rechts an der Seite? Die in dem schlichteren Kleid und ohne Hut?“
„Ja. Der junge Mann hier drüben, der schaut genau zu ihr hin. Wer ist das?“
„Das, liebe Jamie, ist Anna Braun, genannt Annie. Die Lehrerin der jungen Herrschaften – und meine Mutter, deine Ururgroßmutter.“